Strukturalistische Psychoanalyse

11,12,21

Strukturalistische Psychoanalyse

Ich lese gerade nebenher ein interessantes psychoanalytisches Buch. Barbara hat es mir betont ans Bett (also ans Herz) gelegt. Barbara wiederum hat es von Doris empfohlen bekommen, jener absolut begabten Psychologin, die seit einigen Jahren die Kinderladen-Supervision macht und früher selber Kinderladenmutter war. Schon damals war mir von Barbaras Erzählungen her immer wieder aufgefallen, welch unglaublich gute Ideen Doris zu irgendwelchen Problemen im Kinderladen hatte -  sei es zur Diagnose, sei es zur Problemlösung. - Das von Doris empfohlene Buch heißt: Warrlich, Christian und Reinke, Ellen (Hg.): Auf der Suche. Psychoanalytische Betrachtungen zum AD(H)S. Gießen, 2007, Psychosozial-Verlag. 

Den Autoren dieses Readers geht es weniger um ADS als solchem sondern sie nehmen das vorgeblich objektive ADS als Anlaß, um ein (in meiner Sprache:) ‚strukturalistisches Konzept‘ psychischer Problemstellungen darzulegen bzw. selber zu entwickeln. Es gelingen ihnen dadurch, bislang für mich ungeahnte neue Sichtweisen auf der Metaebene.

Dies möchte ich als Anlaß zur Reflexion nehmen.

Statt jetzt stringent irgendwelche definitiven Spezialerkenntnisse erringen zu wollen, möchte  ich stattdessen eher frei assoziieren. (Das also ist womöglich übrig geblieben von den Marxschen ‚Frei Assoziierten‘: die freie Assoziation bzgl. psychischer Störungen. Diese Assoziation habe ich gerade…).

Also erstens mal sehen diese (von mir so genannten) ‚Strukturalisten‘ eine historische Dimension von psychischen Symptomen. Klassisches Beispiel ist die Hysterie zu Zeiten Freuds. Ein mittlerweile völlig ausgestorbenes Symptom. Offenbar gehörten zur Produktion dieses Symptoms ganz bestimmte sozialpsychologische Randbedingungen, die heute gar nicht mehr existieren: einerseits eine Tabuisierung des Sexuellen und andererseits gleichzeitig eine Aufgeilung des Sexuellen – sodaß sogar (als Höhepunkt dieser Aufgeilung), bei Freud, Reich, Marcuse et.al., die Sexualität, die „Triebe“, als grundlegende theoretische Erklärungsmuster für sozialpsychologische Phänomene galten.

Aufgrund dieses Beispiels der Hysterie läßt sich vermuten, daß jedes psychische Symptom spezifische sozialpsychologische Randbedingungen hat, die wiederum historisch-gesellschaftlich gegeben sind. Dies ist ein entscheidender Aspekt jener strukturalistischen Ansicht. Die Frage ist: Aufgrund welcher spezifischer Binnenkonstellationen (beispielsweise innerhalb einer Familie) ergeben sich sodann (statistisch über die Gesellschaft verteilte) Störungen, die jenen historisch-gesellschaftlichen Randbedingungen entsprechend Genüge tun?

Mir fällt jetzt gerade als krasses Beispiel ein: Leute, die im Krieg irgendwelche merkwürdigen Störungen (‚Kriegsneurosen‘) entwickeln und dann in Hospitälern landen. Es gibt so Film-Aufnahmen von Lazaretten im 1. Weltkrieg mit „Zitterkranken“. Oder generell gibt es die Psychiatrische Behandlung von Soldaten, die unter Kriegs-Schock standen. – Ich meine, hier, bei diesem sozusagen ‚Extremfall‘  der Kriegsneurosen ist für mich völlig klar, daß jene strukturalistische Sichtweise anwendbar ist. Für damalige Militärpsychiater waren das notwendigerweise Simulanten, weil sie ja das Paradigma der an und für sich ‚objektiven psychischen Krankheit‘ im Kopfe hatten. Für sie gab es keine situative psychische Krankheit ‚Kriegsneurose‘ – so wie es beispielsweise gehäufte situative Erkältungskrankheiten aufgrund von spezifischen Witterungszuständen gibt.

Ein Teilmoment der strukturalistischen Sichtweise ist auch, daß die gesellschaftliche Lage, die jene Krankheit begünstigt, so gegeben ist, daß offiziellerweise  gar nicht zugegeben werden darf, daß es sich um eine situative Krankheit handelt. Denn dies wäre eine mehr oder minder deutliche Kritik an eben jener gesellschaftlichen Lage.

 

Die wirklich offene Frage, um die es sich schließlich dreht, ist eine kriminalistische: inwiefern handelt es sich hier um eine situative Krankheit – und was genau ist eigentlich die Situation? Und in diesem Zusammenhang hat sich meiner Ansicht nach das Paradigma vom psychischen Widerspruch bewährt. Bei den Kriegsneurosen war es der Gegensatz zwischen intuitivem Sträuben gegen den inhumanen Kriegsdienst einerseits und andererseits auf der bewußten Ebene: Ehrgeiz, Vaterlandsliebe, Gehorsam, der Gruppenzwang unter Soldaten. Beide Strebungen waren objektiv nicht zu vereinbaren und fanden lediglich eine neurotische Vereinheitlichungslösung.

 

Folglich sollte man alle möglichen psychogenen Symptome auf ihren situativen (gesellschaftlichen) Aspekt – und damit einhergehend -  auf ihre widersprüchliche neurotische Vereinheitlichungslösung abklopfen.

Beispiele:

  • Der Glaube an eine positive Zukunft (60er Jahre Paradigma) – im Gegensatz zur Realisierung einer abgefuckten Zukunft (70er Jahre Realität); diese Unvereinbarkeit findet sich beispielsweise als widersprüchliche neurotische Vereinheitlichungslösung in einem spezifisch modernen neurotischen Symptom der Zerstörung poetischer Gefühlsmöglichkeiten (seit 1970 ungefähr).
  • Pickel. Der Glaube an die religiöse Erfüllung durch Sexualität mit schönen Weibern einerseits. Die Realität, daß diese Weiber junge Männer nicht auf normale Weise rankommen lassen, erzeugt einen Widerspruch, eine Unvereinbarkeit  männlicher Strebungen. Die fantastische neurotische Vereinheitlichungslösung ist fantasievolles Wichsen. Da diese Fantasieleistung (die eben keine Realitätsleistung ist) aber als Niederlage empfunden wird – entstehen Pickel als neurotisches Symptom dieser fantastischen Vereinheitlichkeitslösung.
  • Fanatisches Kopfweh. Fanatisches Zuspätkommen in der Schule. Fanatische Eifersucht.
  • Das waren nur Beispiele.
  • Es gibt so ungeheuer vieles andere mehr an neurotischen ‚Lösungen‘.  Jeder, der wollte (und geistig auch könnte), sollte versuchen, sich seine eigene Widersprüchlichkeit und seine eigene entsprechende neurotische Vereinheitlichungslösung selber auszuknobeln!  Dann wäre der nächste schwierige Schritt anzuvisieren, nämlich jenen Widerspruch aufzulösen, und damit zu einer eindeutigen, humanistischen gesunden (symptomfreien) Haltung zu gelangen.