Eifersucht

Bei Gutefrage.net wurde folgende interessante Frage gestellt:

19. April 2009

Eifersucht - wozu gibt es sie?

 

Hier einige typisch individualistische Sichtweisen:

1. Verlustangst

2. Negative Gefühle abreagieren

3. Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft

4. mangelndes Selbstwertgefühl

 

Hier nun meine eigene Antwort:

 

Bei den üblichen Antworten zu dieser schwierigen Frage wird die soziologische Dimension völlig außer Acht gelassen und die Angelegenheit rein psychologisch-individualistisch-abwertend zu erklären versucht. Dabei ist meiner Ansicht nach der soziologische Faktor der Hauptfaktor. Insofern Frauen als sexuell attraktive Raritäten besonders begehrt sind (was ja meines Ermessens ein soziologische Phänomen ist), so besteht doch wohl Grund zu der Annahme, daß hier für eine konkrete Sexual-Beziehung ein Problem bestehen kann. Nicht nur indem die sexuell attraktive Frau selber (oft genug) ein narzißtisches Interesse an Ihrer Begehrtheit hat sondern auch daß der Mann (oft genug) wiederum nach anderen hübschen Frauen Ausschau hält. Diese brisante Mischung ist es, die einerseits (in geringerem Maße) Frauen eifersüchtig (in der Tat ängstlich) werden läßt und (in der Regel) Männer eifersüchtig werden läßt bis hin zur Eifersuchtsparanoia. Wenn man schon die psychologische Seite betrachten will, dann bitte richtig: Im Grunde geht es um ein ernsthaftes Problem, das für jede Beziehung (und überhaupt für das ganze Leben) von Relevanz ist, nämlich um die Angst vor Verlust des Vertrauens.

 

Siehe zu dem Thema auch meine Rezension des Films “Woyzeck” von Werner Herzog bei Amazon vom 29. Januar 2007 mit der Überschrift: <Klassische Deutsche Literatur und Neuer Deutscher Film - vom Feinsten>

 

22.07.09

Ich möchte noch eine weitere Ergänzung anbringen:

 

Ist die oben angegebene soziologische Struktur vorgegeben und es entwickelt sich auf dieser Basis eine Eifersuchtsparanoia, so wird der Eifersüchtige zum Symptomträger einer an und für sich (von vornherein) kaputten Zusammenlebens-Struktur.

 

 

Weitere Anmerkung 13.09.09

Als Illustration (und empirischer Beleg) für diese meine Theorie der Eifersucht kann dienen der Dokumentarfilm von Raimund Koplin: Knut und Marie Hamsun - Liebe, Hass und Leidenschaft, D (BR) 1997. Der Film bezieht sich auf die “Erinnerungen” Marie Hamsuns von 1950. Deutsch: “Der Regenbogen”, Paul List Verlag München 1954 und dtv 1981.

 

 

04.10.15

 

Ein schöner Satz bei Karl Kraus (“Die letzten Tage der Menschheit”): <Sie ist gefallsüchtig und er eifersüchtig>.