2015

Politisch-Philosophische Reflexionen zwischendurch:

 

 

 

Solschenizyn (1994)

 

 Über kritischen Patriotismus

 

In meinem Aufsatz “Reue und Selbstbeschränkung” (1973) mußte ich einmal den Begriff Patriotismus definieren. Jetzt, nach zwei Jahrzehnten, kann ich weiter dazu stehen: “Patriotismus, das ist das ganzheitliche und festverankerte Gefühl der Liebe zu seiner Heimat und zu seiner Nation, verbunden mit der Verpflichtung ihnen beiden zu dienen, und zwar nicht sklavisch, nicht durch Unterstützung unberechtigter Ansprüche, sondern offen für das Erkennen ihrer Schwächen und Mängel.” Auf einen derartigen Patriotismus hat jede Nation ein Recht, und die Russen nicht weniger als andere.

(Aus dem Aufsatz “Die russische Frage am Ende des 20.Jahrhunderts” in dem gleichnamigen Buch S.136. Serie Piper No. 2099, München 1994)

 

Problem der Nivellierung der Kulturen

 

Die “russische Frage” kann am Ende des 20.Jahrhunderts unzweideutig nur so gestellt werden: Sein oder Nichtsein für das russische Volk. Nun rollt über die ganze Erdkugel eine Welle der glättenden, banalen Nivellierung der Kulturen, der Traditionen, der Nationalitäten und der Charaktere. Indessen lehnen sich nicht wenige mit innerer Sicherheit, sogar voller Stolz dagegen auf!

 

(Aus dem Aufsatz “Die russische Frage am Ende des 20.Jahrhunderts” in dem gleichnamigen Buch S.140. Serie Piper No. 2099, München 1994)

 

Was versteht Solschenizyn unter dem Begriff “russisches Volk” - und durch welche Umstände verändert ein Volk seinen Charakter?

 

Der russische Volkscharakter, der unseren Vorfahren wohlvertraut war, den unsere Schriftsteller so oft dargestellt und den einfühlsame Ausländer beobachtet haben, wurde während der ganzen Sowjetepoche unterdrückt, getrübt und zerbrochen. Aus unserer Seele entschwanden unsere Offenheit, Gradheit und edle Einfachheit, die natürliche Ungezwungenheit, die Verträglichkeit, die gläubige Annahme des Schicksals, die langmütige Geduld, die Ausdauer, der Verzicht auf äußeren Erfolg, die Bereitschaft, Schuld bei sich selbst zu suchen, die Bereitschaft zur Reue, die Bescheidenheit beim Vollbringen großer Taten, die Fähigkeit zum Mitleid und die Großmut. Die Bolschewiken haben unser Wesen zerüttet, verbogen und ausgebrannt, am meisten haben sie die Fähigkeit zum Mitleid, die Hilfsbereitschaft und das Gefühl der Brüderlichkeit ausgemerzt, was sie aber förderten war das Schlechte und Grausame (...)

(...) Der Rubel-Dollarangriff der neunziger Jahre hat unseren Charakter wieder in neuer Weise erschüttert: Wer sich die alten guten Wesenszüge noch bewahrt hatte, war nun auf den neuen Lebensstil am wenigsten vorbereitet, erwies sich als hilfloser, untauglicher Versager, unfähig, den Lebensunterhalt zu verdienen (wie schrecklich, wenn Eltern so vor ihren Kindern dastehen), und konnte nur mit weit aufgerissenen Augen nach Luft schnappen, wenn die neue Menschenrasse sie mit dem neuem Kampfruf überrollte: “Geld machen, Geld machen, egal wie! Ob mit Betrug, ob mit Sex, sonstigem Laster oder mit dem Verkauf des mütterlichen Eigentums (dem Ausverkauf der Heimat)!” “Geld machen” wurde zur neuen (und doch so erbärmlichen) Ideologie.

 

(Aus dem Aufsatz “Die russische Frage am Ende des 20.Jahrhunderts” in dem gleichnamigen Buch S.139/140. Serie Piper No. 2099, München 1994)

 

Thema Ukraine

 

An dieser Stelle sind einige Worte über die heutige Ukraine angebracht. Über die ukrainischen kommunistischen Führer, die so schnell ihr Gesicht wechselten, braucht man nicht zu sprechen. Die ukrainischen Nationalisten, die seinerzeit so standhaft gegen den Kommunismus gekämpft haben, in allem gleichsam Lenin verfluchten, haben sich von Anfang an von seinem vergifteten Geschenk verführen lassen: Voller Freude akzeptierten sie die falschen, von Lenin festgelegten Grenzen der Ukraine (sogar noch die Mitgift des selbstherrlichen Chruschtschow, die Krim). Die Ukraine begab sich (wie auch Kasachstan) sofort auf den falschen imperialen Weg.

Es ist nicht nur Rußland, dem ich die Bürde, eine Großmacht zu sein, nicht wünsche. Ich wünsche sie auch der Ukraine nicht. Alle meine besten Wünsche gelten der Entwicklung der ukrainischen Kultur und Eigenständigkeit, von Herzen liebe ich sie - doch warum sollte man nicht mit der Gesundung und geistigen Festigung des nationalen Kerns beginnen, mit kultureller Arbeit im Rahmen der eigentlichen ukrainischen Bevölkerung und der ukrainischen Erde, statt mit dem Drang, eine “Großmacht” zu werden? Ich habe (1990) den Vorschlag gemacht, alle nationalen, wirtschaftlichen und kulturellen Probleme in einem geschlossenen Verband der ostslawischen Völker zu lösen, und meine, diese Lösung sei nach wie vor die beste, denn ich halte uns nicht für berechtigt, durch staatliche Grenzen Millionen familiärer und freundschaftlicher Bande zu zerreißen. Doch in demselben Artikel habe ich die Einschränkung gemacht, daß natürlich niemand wagen würde, mit Gewalt das ukrainische Volk an einer Loslösung zu hindern, allerdings unter voller Garantie der Minderheitenrechte. Sind sich die heutigen Führer der Ukraine und ihrer öffentlichen Meinung im vollen Umfang des ungeheuren Ausmaßes der vor ihnen stehenden kulturellen Aufgaben bewußt? Selbst die ethnisch ukrainische Bevölkerung beherrscht in vielem nicht die ukrainische Sprache oder benutzt sie nicht. (Für 63% der Bevölkerung ist die hauptsächlich gebrauchte Sprache das Russische, während der Anteil der Russen nur 22% beträgt: d.h., in der Ukraine kommen auf jeden Russen zwei “Nichtrussen”, die der Ansicht sind, daß Russisch ihre Muttersprache sei!) Es müssen demnach Wege gefunden werden, alle nominalen Ukrainer zur ukrainischen Sprache hinzuführen. Dann ergibt sich offenbar auch die Aufgabe, die Russen zum Ukrainischen zu bringen (und all das soll ohne Gewalt gehen?) Ferner: Bisher ist die ukrainische Sprache vertikal noch nicht bis in die oberen Schichten der Wissenschaft, Technik und Kultur vorgedrungen. Auch diese Aufgabe ist zu bewältigen. Doch es kommt noch mehr hinzu: Die ukrainische Sprache muß im internationalen Verkehr obligatorisch gemacht werden. Alle derartigen kulturellen Aufgaben dürften wohl mehr als ein Jahrhundert erfordern.

(Bisher aber lesen wir Nachrichten von der Unterdrückung russischer Schulen und sogar von Kindergärten in Galizien, sogar von Überfällen Halbstarker auf russische Schulen, von der örtlichen Unterbindung der russischen Fernsehprogramme oder von einem Verbot für Bibliothekare, mit ihren Lesern russisch zu sprechen. - Soll das etwa der Weg zur Entwicklung der ukrainischen Kultur sein? Da ertönen auch Losungen wie “Russen raus aus der Ukraine!”, “Die Ukraine den Ukrainern!”, obwohl in der Ukraine viele Völkerschaften leben. Wir hören von praktischen Maßnahmen: Wer die ukrainische Staatsbürgerschaft nicht annimmt, bekommt Schwierigkeiten bei der Arbeit, bei der Rente, beim Besitz von Immobilien, verliert sogar das Recht auf Privatisierung - dabei sind doch die Menschen nicht aus dem Ausland eingereist, sondern sie leben dort...

Aber noch schlimmer ist es, daß infolge einer unbegreiflichen Aufhetzung eine antirussische Propaganda geführt wird: Den Offizieren, die den Eid ablegen, wird gesondert die Frage gestellt: ”Sind Sie bereit, gegen Rußland zu kämpfen?” Die Sozialpsychologische Führung der Armee baut Rußland zum Feindbild auf, oktroyiert das Thema einer “Kriegsdrohung” durch Rußland. Sobald aus Rußland eine politische Mißbilligung des Verlusts der russischen Territorien an die Ukraine zu ihren Ohren kommt, reagieren offizielle ukrainische Persönlichkeiten mit dem hysterischen Aufschrei “Das ist Krieg!”, “Das ist der Schuß in Sarajewo!” Wieso bedeuten der Wunsch nach Verhandlungen bereits Krieg? Warum muß man einen Krieg herbeischreien, wo es ihn nicht gibt und ihn nie geben wird?)

 

(Aus dem Aufsatz “Die russische Frage am Ende des 20.Jahrhunderts” in dem gleichnamigen Buch S.124-126. Serie Piper No. 2099, München 1994)