Klemperer: LTI

 

Victor Klemperers „LTI“ (1946)

Es geht ihm um die Sprache des 3.Reiches – Sprache im allgemeinsten Sinne gemeint: auch als Ausdrucksweise, Gestik, Architektur. „LTI“ ist was für lateinisch gebildete: „Lingua [=Sprache] Tertii Imperii [des 3. Imperiums]“.

Ich hatte das Glück, dieses Buch erst zu lesen, nachdem ich kurz vorher die beiden Bände von Friedrich Kellner „Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne“ beendet hatte. Dadurch hatte ich eine Menge lebendiges Anschauungsmaterial, das die Ansichten von Klemperer weitgehend unterstützt. Denn Kellner hat neben seinen persönlichen Erfahrungen auch viele ‚bezeichnende‘ Zeitungsartikel aus dieser 1000-jährigen Zeit in seine Tagebücher eingeklebt, auf die er sich in seinen Kommentaren bezieht. Diese Zeitungsartikel sind in den beiden gedruckten Kellner-Bänden ebenfalls vollständig aufgeführt.

Man findet bei Klemperer vielerlei meisterhafte Charakteristiken der deutschen Welt in der Nazi-Zeit. Die Hauptorientierungspunkte sind für ihn typische Redeweisen. Z.B. ‚fanatisch‘ hat Hochkonjunktur oder ‚heldisch‘ (‚heroisch‘). ‚Volk‘ wird bis zum Erbrechen mobilisiert: vom ‚Volksgerichtshof‘ bis zum ‚Volkskanzler‘, von der ‚Volks- und Rassenseele‘ über Volksempfänger und Volkswagen (ergänze ich nun weiterführend:) bis hin zur Gießener ‚Volkshalle‘ (allerdings schon 1925 so benannt), die später von den Amis in ‚Miller Hall‘ umbenannt wurde. – Auch solche Feinheiten wie ‚Charakter‘ oder ‚charakterlich‘ spielten eine spezielle Nazi-Rolle, S.247: <Aus der Schulsprache, aus dem Bedürfnis der Prüfungs- und Abgangszeugnisse heraus erkläre ich mir das Umsichgreifen des neuen Adjektivs; die Note „charakterlich gut“, das hieß also: einwandfrei nazistisch, öffnete allein die Tür zu jeder Laufbahn.> - Das macht mir persönlich auch endlich klar, warum der Wirt vom ‚Böhmisch Eck‘ in Wetzlar, weil ich ihm ein paar Pfennige (wirklich nicht mehr!) schuldig blieb, die ich ihm am nächsten Abend (ich war 1964 häufiger Kunde dort) natürlich zurückzahlen wollte, mir überraschenderweise aus dem Off erklärte, ich hätte einen ‚schlechten Charakter‘. Er hat mir wohl instinktiv angemerkt, daß ich nicht ‚einwandfrei nazistisch‘ war. Jetzt hab ich’s endlich kapiert: Der Wirt war vermutlich ein Flucht-Nazi aus Böhmen! – Eine wichtige Rolle in der Nazi-Sprache spielten beispielsweise auch die Superlative: z.B. ewig, total, welthistorisch‚ Großkundgebung, Großoffensive, Großkampftag. – Es gibt sehr, sehr viel interessante Details in Klemperers Buch, die meiner Ansicht nach wirklich empfehlenswert zu lesen sind!

Doch möchte ich mich nun einer Sache zuwenden, die mich forschungsmäßig besonders interessiert, es ist die innere Struktur der nationalsozialistischen Ideologie und ihre logischen Folgen. Dazu habe ich bei Klemperer folgende interessante Passage über Gobineau (19. Jhdt. Frankreich) gefunden:

Klemperer schreibt S.176: <Aber nicht das war ja das Originelle an Gobineau, daß er die Menschheit in Rassen gliederte, sondern dies, daß er den Oberbegriff der Menschheit zugunsten der verselbständigten Rassen beiseite schob und daß er innerhalb der weißen auf phantastische Art eine germanische Herrenrasse einer semitischen Schädlingsrasse gegenüberstellte.> Ich [M.A.] sehe das also so: von hier bis zu den Juden als eigentlich treibende Kraft für den 1. Weltkrieg ist nur noch ein kleiner Schritt - und die deutschen Kriegshetzer von 1914 waren 1918 entlastet und brauchten die unfaßbare Niederlage mit all ihren Hunger-Folgen usw. nicht als eigenes Problem anzuerkennen. Das, zusammen mit Gobineaus germanischer Herrenrassen-Vorstellung, ist meiner Ansicht nach die Grundidee, das Zentrum, des Hitlerschen Nationalsozialismus, die ihn beispielsweise vom italienischen Faschismus strikt unterscheidet.

Die logische Folge der nationalsozialistischen Ideologie ist somit folgendermaßen rekonstruierbar: einerseits verteidigt man sich gegen die ‚jüdische Weltverschwörung‘, andererseits handelt es sich aber um eine germanische (deutsche) ‚Herrenrasse‘, die sich verteidigt. Genau dies war die Grundvorstellung des Rußlandfeldzuges: da die Bolschewisten (angeblich) Teil der ‚jüdischen Weltverschwörung‘ waren, landete man 1941 einen (vorgeblich aufgezwungenen) Verteidigungskrieg, einen Präventionskrieg. Indessen führten sich aber die Deutschen (vor allem auf Hitlers Geheiß) als Herrenrasse in Rußland auf (was wiederum die russische Bevölkerung, trotz Widerwillens, in Stalins Arme trieb). – Analog kann man die Geschehnisse in Auschwitz etc. immanent aus der Nazi-Ideologie verstehen: man verteidigt sich lediglich gegen die jüdische Schädlings-Rasse und ist gleichzeitig SS-Herrenmensch.

Hitler konstruiert schon 1934 für den zukünftigen Krieg eine jüdische Weltverschwörung, was Klemperer aber meines Ermessens nicht richtig ernst nimmt, S.55: <ER [gemeint ist Hitler] predigt Frieden, ER wirbt für Frieden, ER will das Ja Deutschlands nicht aus persönlichem Ehrgeiz, sondern nur um den Frieden schützen zu können gegen den Anschlag einer wurzellos internationalen Clique von Geschäftemachern, die um ihres Profites willen skrupellos Millionenvölker aneinanderhetzen... [Pünktchen von Klemperer]. Das alles, und die gut einstudierten Zwischenrufe ("Die Juden") dazu, war mir [also Klemperer] natürlich längst bekannt. Aber in all seiner Abgedroschenheit, in all seiner dem Taubsten vernehmbar zum Himmel schreienden Verlogenheit (...)> Viel mehr weiß Klemperer leider inhaltlich nicht dazu zu sagen. Er ist eben hauptsächlich an der Form interessiert, an der ganzen Propaganda-Aufführung, was er allerdings meisterhaft kann: Hitler als 'deutscher Heiland', ist meiner Ansicht nach eine reife Erkenntnisleistung von Klemperer. Was ich auch noch dazu gelernt habe ist, daß wegen der geradezu religiösen Gläubigkeit vieler Deutscher an den Hitler-Heiland, etliche noch bis in die allerletzten Tage des Hitler-Reiches ('fanatisch') an den Endsieg glaubten! (Crazy – ne?)

 

Interessant finde ich, wie weit ein ideologisches System, sobald es die politische und propagandistische Macht zu seiner Durchsetzung hat, zu den hirnrissigsten und brutalsten Konsequenzen führen kann oder sogar führen muß. Diese Fragestellung sollte meines Ermessens für alle möglichen Geschichtsepochen genauer untersucht werden.