Widerspruchsgesellschaft voller Gegensätze

 

Es muß doch langsam auffallen, daß man es in dieser deutschen Gesellschaft mit einem Irrgarten von Gegensätzlichkeiten zu tun hat. Für viele Menschen ist das intuitiv so selbstverständlich, daß sie sich bestenfalls diplomatisch da durch manövrieren oder aber sich, vor lauter Angst anzuecken, wegducken und sich möglichst zurückhaltend, still & schweigsam verhalten, nach dem Motto: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ bzw. „nur nicht auffallen“. So ergibt sich in der Regel eine bleierne Todheit, die sich über fast alle Kommunikation legt. Man fahre beispielsweise mit einem beliebigen städtischen Bus in Gießen und lasse das gesammelte kommunikative deutsche Blei auf sich wirken! (Das Leben hat sich weitgehend in den Motorenlärm von Maschinen verkrochen.)

Dann gibt es noch zwei Ausnahme-Sorten von Leuten, die aus diesem gesellschaftlichen Gefängnis ausbrechen wollen: Einmal die (besoffenen) Renitenten, Rummauler, Aufsässigen, Querulanten, die aber allem Anschein nach mittlerweile weitgehend weg-psychiatrisiert sind. Dann die Freundlichen, die sich auf alles halbwegs ernsthaft-Kommunikative einlassen, um dann überraschend, sozusagen als ‚Defensivspieler‘, zu reagieren, wenn ihnen bei ‚zu viel‘ Einlassung das durchaus Übliche und Obligate blüht: die Ablehnung, die Abwehr, der Verschiß, das Mobbing.

– Zu den letzteren gehöre ich selber.

Manche glauben, in diesem Irrgarten eine Orientierung zu finden, wenn sie ein Ideologie-Ticket lösen. Sie sind dann z.B. links oder rechts, christlich, mohammedanisch, kapitalistisch, sozialdemokratisch, bürgerlich, pornografisch oder sonst was. Das Problem mit dem Ticket ist, daß diese Leute in der Regel den Willen zur rationalen Diskussion an der Garderobe ihres jeweiligen Etablissements abgegeben haben. Sie wollen eigentlich ihre Ruhe haben. Deshalb reagieren sie unwillig gegen Leute, die da mit eigenständigen Vorstellungen antanzen, welche sich offenbar nicht in das ideologische Ticket integrieren lassen.

Insbesondere ist das ein spezielles Problem mit (deutschen) Über-Ich-Menschen. Da es in der westlichen Welt auch eine (wissenschaftlich, am rationalen Diskurs orientierte) Ich-Bewegung gibt, haben sie ein Problem, ihre Über-Ich-mäßigen Vorstellungen bei Ich-Menschen plausibel zu machen – und umgekehrt verstehen sie die Ich-Menschen nicht, das sind für sie eigentlich ungezogene Kinder, die man nicht ernst nehmen kann.