Was ist ein Bourgeois?

20.04.09

 

Was ist ein Bourgeois?

 

Marx hat leider diesen an sich interessanten und vormarxistischen Begriff ‚Bourgeois’ (als im Gegensatz stehend zum ‚Citoyen’)  vermurxt, indem er ihm eine (scheinbare) objektive ökonomische Bedeutung beilegte: Die „Bourgeoisie“, das sind die Besitzer der Produktionsmittel und insofern Ausbeuter. Eine ‘Klasse’ von Leuten, die eine geschichtliche Epoche (den ‘Kapitalismus’) als ‘Charaktermasken’ vertreten. Egal nun, ob ein Besitzer irgendwelcher ‚Produktionsmittel’ (z.B. ein Fabrikant, Verleger, Geschäftsmann, Bankier, vermietender Hausbesitzer, Aktienbesitzer usw.) jemand ist, der eigentlich ganz ok ist, oder ob er ein Arschloch ist. Und was ist mit den Beamten, Bauern und all den Angestellten? Zu schweigen von den Arbeitern, Vorarbeitern, Meistern, Polieren? (Nach einem Baustellen-Sprichwort schuf Gott Menschen und die Tiere, doch der Satan schuf die Poliere.)

 

Beim vormarxistischen Marx sieht das etwas anders aus. Da gibt es den Gegensatz zwischen Bourgeois und Citoyen. Beide sind Bürger. Nur der eine will lediglich seinem Egoismus frönen, während der andere sein Heil im Dienen für das Allgemeinwohl sieht. Diese Sichtweise kann man durchaus empirisch nachvollziehen. Es gibt in allen Etagen der Gesellschaft sowohl solche als auch solche Leute. Daß jeder Einzelne dieser Gesellschaft ein unterschiedliches Mischungsverhältnis zwischen beidem hat versteht sich dementsprechend fast von selbst.

 

Nun interessiert mich aber dennoch die Typologie des sozusagen ‚reinen’ Bourgeois. Ich sollte am besten ein Beispiel nennen, um zu verdeutlichen, was ich meine.

 

Athen. Man gerät in ein durchaus billig ausschauendes Lokal, das die typischen griechischen Touristen-Essen anbietet: z.B. Gyros am Drehspieß, Tomaten, Zwiebeln, Gurken, Bier, Retsina usw. Wohlig lässt man sich in dieser kleinen Idylle an einem primitiven Tisch nieder. Zu spät merkt man, dass nirgends eine Preisliste zu sehen ist, bis man eine absolut überhöhte Rechnung präsentiert bekommt. – Der bourgeoise Ladenbesitzer hat bewusst die Vertrauensseligkeit ausgenutzt, die man als Griechenland-Tourist hat, wenn man in ein normales griechisches Lokal reinkommt, mit ehrlichen und freundlichen Besitzern.

 

Ich denke, in jenem Beispiel steckt viel drin. Erstens: der Bourgeois verlässt sich auf die ehrlichen Citoyen. Er wildert in deren Gärten. Er tut so, als ob er zu den Citoyen gehört, um aber in Wahrheit dadurch ungeschoren seinem egoistischen Interesse zu frönen. Zweitens hat der Bourgeois offenbar kein Bedürfnis danach, sich gemeinsam mit anderen Menschen wohl zu fühlen; sich sozusagen zu sonnen in deren Wohlsein, an dem er ursächlich beteiligt wäre. Stattdessen hat er das Bedürfnis danach, die anderen reinzulegen, um dadurch einen Vorteil zu erlangen. Drittens ist der Vorteil, das egoistische Interesse nach dem er strebt, letztlich einfach nur die baare Münze.

 

Was will uns das sagen?

Ad 1. – Der Bourgeois benötigt die ideologische Argumentation (die systematische Fehlleitung des Denkens anderer Menschen) als Lebenselexier. Oder sollte man besser sagen: als Todes-Elexier?

 

Ad 2. – Dem Bourgeois fehlt offenbar eine entscheidende menschliche Dimension, nämlich das Urvertrauen und die Empathie. Er gönnt üblicherweise den anderen nix (bestenfalls ist er Krähe unter Krähen, die bekanntlich keiner anderen ein Auge aushackt). Gut, vielleicht hat er noch einen treuen Hund und eine Familie, zu der er Patron (oder Patronin) ist. Also, vielleicht hat er/sie noch einen Innenbereich des Gönnertums – aber nach Außen, außerhalb dieses Innenbereichs, ist er empfindungslos: hat weder Vertrauen noch Empathie, ist nur auf seinen Vorteil aus. Er erinnert insofern an die ins  Absolute verselbständigte Bourgeois-Figur des Vampirs, die seit über 100 Jahren in Literatur und Film präsent ist.

 

Ad 3. – Die baare Münze. Dieser Athener Bourgeois war offenbar gierig auf die baare Münze. Das ist das Übliche. Ok. es gibt aber noch außer der baaren Münze die Macht. Das kommt in diesem obigen Beispiel „Athen“  nicht vor, ist aber in gewisser Hinsicht das Gleiche. Auch die Macht kann man als Münze ansehen, eben als Machtmünze. Beides kann man horten und aufhäufen. Auch die Macht als Münze benötigt die Ideologie und ist insofern weitgehend ohne Vertrauen und Empathie. Beides, sowohl das Streben nach der baaren Münze als auch das Aufhäufen von Macht,  ist als solches eine weitgehend hohle Sache, d.h. ohne wirklichen Lebensinhalt. Als extremste Beispiele für Machthäufung denke ich etwa an Hitler oder Stalin. Bei der extremen bourgeoisen Geldhäufung fallen mir Leute ein, die beispielsweise Mietshäuser sammeln wie andere Leute Bierdeckel oder Briefmarken. - Und üblicherweise wollen sie nur hohe Mieten kassieren und möglichst nix für das Wohlbefinden der Mieter in den Häusern tun.

 

 

Fazit:

 

Ich denke, dass dies ein erster Ansatz ist, um die Typologie des reinen Bourgeois zu erfassen.