Täter als Opfer

19.01.09

Die Täter, die Opfer sind

 

Es geht mir nicht um eine Reinwaschung oder Entschuldigung von ‚Tätern’. Es geht mir allein um eine strukturell-soziologische Aufklärung von Sachverhalten, deren genauere Erkenntnis durch die enge und vordergründige individualistische Schuld-Sichtweise abgeblockt wird.

 

1. Beispiel

Eifersuchtsparanoia. Zum ersten Mal aufgefallen ist mir das Phänomen, das mich hier interessiert, an der weitverbreiteten, mehr oder minder stark ausgeprägten, Eifersuchtsparanoia. Die bürgerlich-individualistische Sichtweise schiebt diese Problemstellung als (psychiatrisches) Symptom allein dem Individuum in die Schuhe. Es soll ja auch keineswegs der individuelle Faktor wegdisputiert werden. Es geht mir hier jedoch um die Dialektik von Gesellschaft und Individuum. Wenn man anerkennt, dass eine schöne junge Frau eine ‚Rarität’ (ein Schatz) darstellt, die von vielen Männern (sexuell) begehrt wird, so liegt hierin meines Ermessens ganz klar eine gesellschaftliche Determinante vor. Denn Mode und Aufmachung sollen einer quasi hypnotischen Wirkung dienen, die gesellschaftlich als Glücksversprechen (für die bei Männern erfolgreiche Frau, als auch für den bei solchen Frauen erfolgreichen Mann) durch alle Medien explizit und implizit hinaustrompetet wird. Was aber ist nun konkret der Fall, wenn sich solch ein ‚glückliches Paar’ zusammenfindet? Wird die Frau, deren gesellschaftliche Identität ja nun durch jene Attraktivität wesentlich determiniert ist, auf jenen narzisstischen Erfolg bei anderen Männern verzichten wollen? Vielleicht bemüht sie sich vor ihrem Liebsten zu kaschieren, dass sie nicht daran denkt darauf zu verzichten – vielleicht auch vor sich selber. Da nun der Mann (ebenfalls rollenmäßig) selber oft genug noch weiterhin Ausschau nach anderen attraktiven Weibern hält, unterstellt er dies selbe Interesse seiner Frau umgekehrt, weil Männer Frauen ja nicht verstehen können. Einesteils hat er recht, anderenteils hat er unrecht. Die Frau ist ja in der Regel froh, wenn sie eine feste Beziehung mit einem interessanten ‚Partner’ gefunden hat – insofern hat er unrecht. Also ist üblicherweise der Mann derjenige, der ein paranoides (teilweise unrealistisches), misstrauisches, eifersüchtiges Augenmerk auf seine attraktive Frau richtet. Auf diese Weise werden solche Männer zu ‚Tätern’, vor allem, wenn sie ihre Frau aufgrund ihrer Eifersucht schikanieren, misshandeln oder gar umbringen. Allein in der  mehr oder minder starken Heftigkeit und Unbedachtheit der Reaktionsweisen aber auch in der mehr oder minder starken Unfähigkeit zu kommunizieren, liegt meines Ermessens der subjektive Faktor dieser Angelegenheit. Der gesamte mohammedanische Kulturkreis spricht diese paranoide Sprache als gesellschaftlich anerkannte Sprache, wenn die Frauen möglichst verschleiert herumlaufen sollen oder gar bei den kleinen Mädchen prophylaktischerweise die Klitoris beseitigt wird. M.a.W. aus Angst, von der  Frau, betrogen zu werden, also jemand zu sein, dessen Vertrauen hintergangen wird, werden Männer zu Eifersuchts-Tätern.

 

Eine ganze Nacht lang hatte er unten auf der Straße gestanden,

an seinen Bentley gelehnt, und sah hoch zur Wohnung von Percy, o mein süßes

Licht, warum betrügst du mich? Eifersucht, Paranoia, seit wir uns kennen, mißtraut er

mir, betrügt sie mich, ich suche dich, aber du bist hier, Liebster, meine Liebste, in

meinem Innern… (Thomas Hürlimann: Synchron (Page 6))

 

Die von mir gemeinte strukturelle Opferrolle solcher Täter-Männer liegt darin, dass sie jenes soziale Rollenspiel ‚Sexualität-Attraktivität-Glück’, das ihnen am Ende jeweils statistischerweise als Paranoiker die Arschkarte zuteilt, unbewußt und überzeugt mitspielen.

 

 

2. Beispiel

Mobbing. Es ist ein übliches Verfahren, dass in Schulen, Familien, Betrieben jemand auserkoren wird als der Aussätzige, der gemobbt werden kann.

Alltagssprachlich ausgedrückt bedeutet Mobbing, dass jemand zumeist am Arbeitsplatz – aber auch in anderen Organisationen – fortgesetzt geärgert, schikaniert, in passiver Form als Kontaktverweigerung mehrheitlich gemieden oder in sonstiger Weise in seiner Würde verletzt wird. . .. Opfer: Im Handlungsverlauf kristallisiert sich ein Opfer heraus. Aufgrund der ungleichen Machtverteilung hat es Schwierigkeiten, sich zu verteidigen. … Als zentrale Maßnahmen der Mobbingprävention gilt der Aufbau einer Organisations- und Führungskultur, die eine konstruktive Zusammenarbeit garantiert, in der jeder Einzelne von allen wertgeschätzt wird. (Aus  http://de.wikipedia.org/wiki/Mobbing )

 

Was sind das nun für Täter, die dieses Verfahren wie selbstverständlich anwenden? Zunächst dient als Erklärung, dass dies ein typisches Vorgehen autoritär geprägter Menschen ist. Mit dieser Vorgehensweise wird offenbar eine Art ‚Erziehungspolitik’ betrieben: es bedeutet das Einüben und fortgesetzte Beibehalten autoritärer Rollenstrukturen. Wer sich an dem Mobbing-Treiben beteiligt, wird zum Täter, der sich dadurch erhofft, selber verschont zu bleiben, bzw. mit zu den Auserkorenen zu gehören, die obenauf sind. Andererseits kann man sagen, dass jeder, der sich an dieser autoritären Hetzjagd beteiligt, selber als Kind einmal in der Rolle des Gemobbten in der Familie war. Denn was ist autoritäre Erziehung anderes, als ein Kind zu mobben? Und wo nimmt jemand dieses Können her, der nicht selber davon betroffen war? Der Täter war also vermutlich selber einmal in der Opferrolle. Es erscheint demgemäß nur auf der Oberflächenebene paradox, dass jemand, der früher als Kind familiär noch besonders gegenüber seinen Geschwistern herausgegriffen wurde zum Mobben (der sogenannte Index-Patient der systemischen Therapie), nun als Erwachsener selber vielleicht zum Mobber wird. Bei tiefergehender Sichtweise erkennt man, dass hier jemand strukturell in dem Spiel unbewußt befangen ist, also keine selbstreflexive Verfügungsgewalt darüber hat. Insofern ist er in einer strukturellen Opferrolle, die ihn - bei mangelnder Selbstreflexion - auch selber zum Täter werden lässt. Er besitzt selbstverständlich auch keine Dankbarkeit gegenüber denjenigen, die ihm vielleicht einmal halfen aus dieser Index-Situation herauszukommen – eben weil ihm das Bewußtsein darüber fehlt. Er sieht einfach nur sich als einzigartiges Individuum als solches, ohne den soziologischen Raum mit zu betrachten.

 

 

3. Beispiel

Nazitäter. Wenn man sich den obersten und gleichzeitig berüchtigsten Nazi, Hitler,  anschaut, hat man einen Menschen, der geprägt war von der ‚imperialen’ Epoche der Donaumonarchie und der Kaiserzeit um 1900 – indirekt auch vom Englischen Empire und dem französischen Kolonialismus. Es gab ‚Hotel Imperials’ in jeder größeren Stadt Zentraleuropas und Englands und ‚Kolonialwarenläden’ in jeder Kleinstadt. Selbst die deutsche Sozialdemokratie hatte ein Faible für Kolonien. Russland hatte einen imperialen Drang nach Sibirien sowie nach Osteuropa, Finnland und Kaukasien. Die USA hatten Kolonien im Pazifik (Philippinen) und hatten ihre ‚Monroe-Doktrin’, wonach Südamerika unter ihrer Vormundschaft stand. Zum kleinen Dänemark gehörte ganz Grönland. Selbst das kleine Portugal hatte große Kolonien in Afrika. Desweiteren gehörte das große Indonesien zum kleinen Holland, das große Kongogebiet zum kleinen Belgien. Soweit also das geistige Umfeld, in welchem ein Gefreiter im 1. Weltkrieg heranwuchs.

Als dann der erste Weltkrieg ausbrach, versprach man sich deutscherseits einen militärischen Spaziergang nach Paris – analog zu 1870/71. Doch leider leider hatte inzwischen endgültig die Industrialisierung in die ritterlichen Kriegsspiele Einzug gehalten. Der Krieg artete unter der Hand aus in Gaskrieg und Stellungskrieg à la Verdun. Keine bunten Reiter, schön uniformierten Infanteristen und Kanoniere bestimmten das Bild, sondern ein Millionenheer von anonymen ‚Feldgrauen’ mit stählernen Kruppkanonen - nebst neumodischen Fluggeräten, Panzern und Unterseebooten. – Unter der Hand brach eine ganze alte Welt des ehemals bunten Krieges zusammen. – Der Verlust dieser Kriegs-Spielwelt hatte übrigens Auswirkungen auf die Nachkriegsarchitektur, die nunmehr ebenfalls jenes anonyme, einheitliche Feldgrau und die technische Neumodischkeit übernahm – wenn auch hier und da noch mit ein paar armseligen Verzierungen versehen, die nach dem zweiten Weltkrieg vollends wegfielen.

 

Die Niederlage des großherrlichen sieggewohnten Deutschlands im Rahmen dieser Neuerungen der Kriegsführung war für viele nationalistische Deutsche unfassbar. Auch wollten sie nicht ihre eigene Schuld an der Entfachung und Aufrechterhaltung des Kriegs-Wahnsinns eingestehen, sondern fanden stattdessen in den Juden die Verursacher des Weltkriegs. Dieses paranoide, finstere Märchen bestand darin, dass die Juden ja eh vorhatten, die Weltherrschaft über die Völker (insbesondere die arischen) zu erringen, um sie zu versklaven und auszubeuten. Zu diesem Zweck hetzten, gemäß dieser paranoiden Ansicht, die Juden vor 1914 die Völker aufeinander, um diese in einen Krieg miteinander zu verwickeln. Danach hätten sie leichtes Spiel, mit Hilfe von Demokratie und Revolution die Völker ihrer wahren Führer (Adel, Offiziere, Kaiser und Könige) zu berauben und eine Clique von jüdischen oder jüdisch gelenkten Plutokraten und Politikern stattdessen zu etablieren, wie das insbesondere in den bolschewistischen Räterepubliken zum Vorschein gekommen sei, da ja der Bolschewismus nur eine Tarnorganisation des Judentums sei.

 

Mit Hilfe dieser paranoiden Mythologie, in der man sich in der Rolle des Ausgelieferten an finstere Mächte sah, konnte man die Welt nach wie vor so sehen wie vorher und es galt lediglich, die alte Welt wieder herzustellen, indem man sie von Juden, Bolschewisten und Demokraten reinigte und stattdessen die wahren Führer des Volkes in seine Rechte einsetzte und anschließend mit einem wieder starken Deutschland die Niederlage rückgängig machte. Das sah der Täter Hitler als seine Aufgabe an. Er war paranoider Täter – aber gleichzeitig auch strukturelles Opfer der imperialen Sichtweise auf die Welt vor 1914. Darin war er sich einig mit vielen deutschen Zeitgenossen, wie z.B. einem Offizier und Fliegerhelden wie es Göring war. Selbst in der Zeit nach 1918 des Völkerbunds und des Republikanismus gab es ja noch genug realen Imperialismus, der die imperialen, kriegerischen Grundideen von Hitler und sonstigen kaiserlich geprägten Deutschen nur bestätigen konnte. Auch wenn dieser Imperialismus langsam immer anachronistischer wurde. Es war ja nicht so, dass die Franzosen ihren Kolonialismus aufgegeben hätten – oder die Engländer ihr Empire. Auch Sowjetrußland entließ die vom Zarismus unterjochten Völker keineswegs in die Freiheit, stattdessen wurde die „Union der sozialistischen Sowjetrepubliken“ gebildet unter zentraler Aufsicht von Moskau. -  Japan und Italien begannen ihren eigenen Imperialismus in den 30er Jahren. Mit ihnen verbündete sich Deutschland in seinem eigenen imperialistischen Drang. – Erst nach dem zweiten Weltkrieg, der mit der Erschaffung der Atombombe endete, entwickelte sich allmählich ein moderater Anti-Imperialismus und offener Anti-Kolonialismus, womit dann Hitler und seinesgleichen nachträglich endgültig widerlegt wurden. Das strukturelle Opfer einer prinzipiell überholten Sichtweise wurde zum Täter einer finsteren Mythologie, die es rechtfertigte, Millionen von Juden hinzumorden und viele weitere Millionen an Kriegstoten und rauchende Trümmer zu hinterlassen in einem sinnlosen Krieg für atavistische Ziele.

 

 

4. Beispiel

Die kommunistischen Täter. Für Lenin war der Imperialismus (um 1900) das höchste Stadium des Kapitalismus. Die kapitalistischen Länder befänden sich in einem Kampf um die Vorherrschaft über die Gebiete mit Rohstoffen, wodurch es zwangsläufig zu Kriegen zwischen ihnen kommen müsse. Da der Kapitalismus das Böse verkörpert (weil historisch überholt), müsse das (objektiv) Gute vorangetrieben werden, das die Zukunft verkörpere, und dies sei die sozialistische Planwirtschaft. – Wieso war so ein kommunistischer Tyrann, der für so undenkbar viele Bluttaten, mindestens theoretisch und im Ursprung, verantwortlich ist, ein Täter, der gleichzeitig strukturelles Opfer ist?

Man muß klar sehen, dass die soziale Frage mit der Amerikanisch/Französischen Revolution spätestens um 1800 auf der Tagesordnung aufklärerischer Humanität stand. Jedoch zeigte sich, dass der bourgeoise, egoistische Konservatismus eine starke Widerstandskraft gegen jede humanistische Veränderung in Richtung der sozialen Frage bildete (vgl. z.B. der nordamerikanische Bürgerkrieg und die Sklaverei). Dieses typische Kräftefeld von imperialen Klassen-Gesellschaften, speziell jetzt im Zeitalter der Aufklärung, wurde von Marx zu einer historischen Entwicklungstheorie hochstilisiert, die dann später vom marxistischen russischen sozialdemokratischen Revolutionär Lenin ein Stück weiterentwickelt wurde. Der Witz bei der marxistischen Sache war, dass nunmehr eine Menge gebildeter Arbeiter und Literaten fest von einer wissenschaftlichen Folgerichtigkeit der Geschichte ‚überzeugt’ waren, was der sozialen Bewegung ungeahnte Schubkräfte verlieh, die aufgrund von reiner Humanität und Mitleidserheischung bezüglich der ‚sozialen Frage’ nie entstanden wären. Konnten sich doch nun etliche vorwärtsstürmende Leute, die in der konservativ-etablierten Gesellschaft nicht recht zum Zug kamen, mit Hilfe ‚wissenschaftlicher’ Sozialkritik darin sonnen, dass demnächst ihre Zeit logischerweise anbrechen würde  - in dieser Illusion war Marx ja selber das Vorbild.

Der Erfolg von 1917 der leninistischen Avantgarde dieser Masse von gebildeten Arbeitern und Literaten war gleichzeitig ihr Schuld-Verhängnis. Sie hatten erstens Erfolg, weil die marxistisch-leninistische Geschichtstheorie eine Art Ticket in die (wissenschaftlich!) richtige Zukunft war. Dieser Fahrschein in die objektiv richtige Zukunft hat ungeheuer viele ausgebeutete, entfremdete, entrechtete und in ihren Qualitäten missachtete und verkannte Menschen mobilisiert, hat ihnen Lebensenergie und Sinn eingehaucht, was ihnen ansonsten vorenthalten geblieben wäre. Eine freiwillige Entscheidung einfach so, für Sozialismus, ohne wissenschaftlich-objektive Einlasskarte ins Paradies, hätte ihnen niemals jene vereinigende Kraft verliehen. – Zweitens hatte die ‚Avantgarde’ Erfolg und Auftrieb während und nach diesem scheußlichen 1.Weltkrieg – dessen Kritik von Lenin und seinesgleichen vorangetrieben wurde. In Lenins Heimat Russland hatten sie damit am meisten Erfolg, indem sie mit dem Versprechen auf Frieden und Land für die Bauern sogar eine regelrechte Revolution auf die Beine brachten. Die ‚Avantgarde’ schaffte es daran anschließend, eine gnadenlose Diktatur zu errichten, die allein darauf ausgerichtet war, jeden Millimeter Macht – koste was es wolle - zu erweitern. Dazu alle nur denkbaren Kompromisse einzugehen und sogar 1921 die Matrosen von Kronstadt  – die Helden der Revolution von 1917 –  blutig niederzumachen. Stalin machte dann in diesem Sinne weiter, als er die Trotzkisten verfolgte. Darin übrigens nicht unähnlich Hitler, als der die SA-Führung mit Röhm 1934 niedermachte; (Röhm war gewissermaßen der deutsche Trotzki, wenn man so will).

 

Die Marxisten-Leninisten waren strukturelle Opfer, weil ihnen – aufgrund des bourgeoisen und adeligen Egoismus -  so viele arme Teufel der Gesellschaft in die Arme getrieben wurden, die endlich befreiend aufatmend einen Lebenssinn finden konnten. Sie gehörten im Grunde selber zu diesen armen Teufeln ohne Sinn. Sie wollten einen Sinn und konstruierten eine Revolutions-Wissenschaft ohne gültigen Beweis aber mit viel Papier und langen sozialkritischen Reden mit revolutionär-religiösem Pathos, mit denen die bildungsbegierigen armen Teufel sich voll saugten. Die Marxisten-Leninisten waren Täter, als sie ihr ungeheuer mobilisierendes Geschichtskonstrukt nun mit Gewalt ab 1917 in Sowjetrussland in die Tat umsetzen mussten: Sie selber (mit dem liebevollen Namen ‚Bolschwiki’) waren jetzt der angeblich unumkehrbare Sozialismus, der die wissenschaftlich vorausgesehene und nunmehr zu planende Zukunft bedeutete. Sie mussten unter allen Umständen ‚beweisen’, dass dies stimmt. Und dazu war ihnen (‚wissenschaftlicherweise’) jede Gewalt erlaubt. Und so türmten sie Hekatomben von unschuldigen Menschen als Leichen auf. Menschen die als angebliche Feinde des Sozialismus gleich erschossen wurden oder nach langer Quälerei in den Gulags elendiglich umkamen.

 

 

5. Beispiel

Spießerdemokratie. Nachdem die Monarchie, der gutsherrliche Offiziers-Adel und das alteingesessene Bürgertum in einer Republik nicht mehr die stabilisierenden Säulen der Gesellschaft bilden – was bleibt dann anderes übrig, als eine Art hintergründige Stabilisierung zu etablieren, die einen ähnlich konservativen Zweck erfüllt? Dazu dienen die vereinigten Spießer. Sie kommen aus allen Gesellschaftsschichten. Das macht das demokratische an der Spießerdemokratie aus. Sie können jedoch nicht an die idealen Werte der Republik, nicht an die Selbstreinigungs-Kräfte der Verfassungs-Ideale der Republik glauben – Freiheit der Meinung und der Kunst, Würde der Person, Gerechtigkeitsstreben, freie Entfaltung der Persönlichkeit, Autonomie des Privatbereiches und vieles mehr.  Sie haben Angst, sie würden dabei was verlieren oder das Chaos würde ausbrechen. Sie streben stattdessen im Zweifelsfall nach Kontrolle und Verboten. Andererseits tolerieren und stützen sie aktiv als ‚Konservative’ die bourgeois-egoistische Ungerechtigkeit und die entsprechenden amoralischen Verhältnisse. Desweiteren sind sie aktiv beteiligt an Mobbing und Ausgrenzung anständiger Menschen, die ihrer Ansicht nach nicht ins System reinpassen.

 

Sie sind Täter, wenn sie (um in der Gesellschaft halbwegs obenauf zu sein) die bestehenden Gegensätze besänftigen wollen, indem sie die Herrschaftsansprüche der egoistischen Bourgeoisie als normale politisch konservative Ansprüche uminterpretieren oder, wenn’s zu heftig wird, einfach nix sehen wollen, was andere, kritische Leute sehen - und die kritische Seite aktiv zu unterdrücken suchen. Sie bilden das Schmiermittel zwischen den Reibungskräften von bourgeoisem Egoismus und den Forderungen der Citoyen, die Gerechtigkeit und Freiheit anstreben. Um dieses gesellschaftliche Schmiermittel zu bilden, braucht es eine gehörige Portion Fehleinschätzung, Nichtwahrnehmungswillen und diverser Abwehrmechanismen, die sie gesellschaftlich in den Institutionen als Fett-Schicht personal verkörpern - und damit gleichzeitig den institutionellen Gestaltungs-Raum der Citoyen beschneiden. Andererseits bilden die Spießer womöglich auch ein positives Element. In Völkern, die jene Fettschicht nur gering ausgebildet haben (beispielsweise Mittelmeervölker, Südamerika, Afrika und Rußland), kann sich der bourgeoise Egoismus (falls er nicht durch sonstige Regularien von Staat und Armee eingedämmt wird wie z.Zt. noch in der Ata-Türk geprägten Türkei) vermutlich wesentlich enthemmter ausbilden – wenn man zum Beispiel an Süd-Italien mit Mafia und Camorra denkt. Vermutlich gehört auch der ‚rechtsstaatliche’ Regulierungswahn, der die deutschen Gesetzesbücher Jahr für Jahr mehr anschwellen lässt, zu den Folgen jener Transmissionseigenschaft der Spießer, die sich und anderen mit ihrer Regulierungswut vorgaukeln wollen, alles gehe korrekt mit rechten Dingen zu. Immerhin geht es tatsächlich dadurch (teilweise jedenfalls) korrekt und mit rechten Dingen zu – und man möchte nicht gerne darauf verzichten! Andererseits wird das lebendige Leben d.h. die Alltagsfreiheit dadurch immer mehr eingeschränkt.

 

Strukturell sind die Spießer Opfer insofern, als sie in ihrem menschlich verständlichen Harmoniebedürfnis gerne übersehen wollen, dass es etliche Antagonismen in unseren europäisch-amerikanischen Demokratien gibt. Sie möchten sich gerne vormachen, dass sie in der besten aller möglichen Welten leben. Und sie wollen ‘In’ sein. Was ja im Grunde ihr gutes Lebens-Recht ist. Wer will nicht gute Gefühle haben, indem er sich gläubig aufgehoben fühlt im Bauch der Gesellschaft? Nur leider ist es mit dieser Aufgehobenheit nicht weit her. Wieviele Familienzwiste gibt es - wieviele irrationale Probleme in Schulen und Betrieben? Wieviele Menschen werden ausgegrenzt? Gerne glauben sie, sie hätten Freiheit & Demokratie gepachtet, was ja auch ein bisschen stimmt – gleichzeitig werden die ‚Alltagsfreiheiten’ juristisch und amtlich und durch Modernisierungen immer weiter eingeschränkt. Man denke z.B. an die Menschenfeindlichkeit moderner Bahnhöfe im Vergleich zu den 50er Jahren! Indem sie diesem Harmonismus huldigen, der sie gleichzeitig dazu prädestiniert, gut dotierte Pöstchen in den offiziellen Institutionen zu ergattern, verleugnen sie vehement die kritikwürdigen Elemente der sozialen Realität und werden dadurch zu Tätern, daß sie aktiv daran beteiligt sind, daß die Kritiker sich kein oder nur wenig Gehör verschaffen können. Einerseits sorgen sie durch ihre massenhafte Existenz tatsächlich für eine gewisse Entschärfung der Antagonismen (die Bourgeoisie-Egoisten müssen auf die treue Spießerherde in gewissen Grenzen Rücksicht nehmen und können sich somit nicht alles erlauben – beispielsweise grenzenlosen Sozialabbau), andererseits sind die vereinigten Spießer in Politik, Wirtschaft, Verwaltung, Medien, Schulen und Universitäten und allen sonstigen wichtigen Institutionen maßgeblich mitbeteiligt am allgemeinen gesellschaftlichen Unglückszusammenhang, der sie in der Regel schließlich selber in irgendeiner Form erwischt, beispielsweise in Form irrationaler Konflikte  oder psychosomatischer Krankheiten aufgrund ihrer Widersprüchlichkeit.

Um einem Mißverständnis vorzubeugen: Es geht hier allein um die Täter. Nicht um irgendwelche an sich anständigen Menschen, die konventionell ihr Berufs- und Familienleben praktizieren, aber ansonsten andere Menschen, die ihnen nichts tun, in Ruhe lassen. Die explizite Täterschaft des ‘Spießers’, mache ich z.B. daran fest, wenn jemand sich aktiv an Ausgrenzungen oder gar Hetzkampagnen gegen an sich gutmeinende Leute (Citoyen) beteiligt. Das kann sich im kleinen Rahmen im Verwandten- und Bekanntenkreis oder in der Nachbarschaft abspielen, indem gewisse, aus der ihnen zugedachten gesellschaftlichen Rolle fallende, Personen unverhältnismäßig verunglimpft werden. Oder  im größeren Rahmen, wie beispielsweise bei der allgemeinen Medienkampagne gegen die hessische SPD-Vorsitzende Andrea Ypsilanti 2008, die damit zur öffentlichen Unperson wurde.

 

 

(Manfred Aulbach)