Ich bin offiziell unerwünscht

15.11.10

 

Mein Problem, daß mich die offizielle Welt nicht mag

kenne ich aus vielerlei Erfahrungen – wenn auch mit einigen wenigen bedeutenden Ausnahmen.

 

Beispiele:

 

  • Schule. Das ging schon gleich zu Anfang (Herbst 1947) los, weil ich zusammen mit Cousin Günter einem Irrtum erlegen war, daß der erste Schultag um 10 Uhr, statt, wie sich nachher rausstellte, schon um 8 Uhr begann. Nachdem bei unserer Ankunft niemand mehr im Schulhof zu sehen war, und dann auch keiner mehr sich um uns sorgte, verdrückten wir uns nach einiger reiflicher Zeit des-bekümmert-in-Pfützen-Spielens wieder. Das wurde allerdings durchaus als „Schulschwänzen“ ausgelegt und meine, vor die Klasse beorderte, ach so gute Tante Gretel, wußte ganz klar, daß ich der eigentliche Missetäter gewesen sei (der ‚Anstifter’). Und so wurde ich von der ersten Bank, von wo aus ich eine glückliche Woche lang, jeden Morgen, dem von mir begeisterten Volksschul-Lehrer Herbert einen astrein genäßten roten kleinen Schwamm, der zu meiner Schiefertafel gehörte, reichte, von meinem Cousin Günter weg, nach hinten zu den ‚Backbenchers’ verbannt. (Wo ich fortan prinzipiell alle Schultagszeiten immer hingehörte). Seitdem kam ich praktisch jeden Tag zu spät zur Schule (das war mein damals typischer neurotischer Zwang – aber so einen Begriff kennt natürlich ein Kind nicht).  Dieses zwanghafte Zuspätkommen wurde mir immer wieder auf’s Neue von den diversen Lehrern übelst vermerkt, weshalb ich in „Betragen“ eine 4 (die schlechteste Note überhaupt für ‚Führungsnoten’) bekam. Doch gab es auch innerhalb dieser ‚Schwarzen Pädagogik’ noch ein paar wenige gute Seelen mir gegenüber. Wobei ich vor allem an Lehrer Lich (an der Schillerschule), (der mich nicht nur seelisch aufbaute, sondern auch an die offizielle ‚Aufbauschule’ beförderte), dann an Englisch-Lehrer Pohlig (der leider, gerade aufgrund seiner  überragenden didaktischen Fähigkeiten, Anfang der 50er Jahre nach USA entschwand), denke. Dann mit warmer Liebe an meinen enorm geduldigen Nachhilfelehrer, einem pensionierten alten, konservativen, gutartigen Volksschullehrer, dem ich ungeheuer viel zu verdanken habe (auch wenn ich damals Schwierigkeiten mit dieser Dankbarkeit ihm gegenüber konkret gehabt hätte), Herr Herbert.
  • Dann aber später, am Hessen-Kolleg in Wetzlar, wo ich mein Abitur machen konnte, denke ich an den ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten Direktor Pusch, dem für die Tatsache meiner Förderung am Hessenkolleg von mehreren Seiten  (zumindest 2 verschiedenen Seiten!) zugesetzt wurde, wie er mir persönlich erzählte.
  • Und viel später an der Gießener Universität an den griechischen Dozenten Andreas Christinides (aus Athen), der selber gegen Ende seiner Zeit an der Uni Gießen dort einen schlechten Stand hatte (weil er ‚exotische’ Themen wie beispielsweise Foucault in seinen Seminaren behandelte!). Er sorgte wesentlich mit dafür, daß ich meinen Abschluß als ‚Magister’ machte, während ich selber diese Idee schon längst aufgegeben hatte.
  • Doch als ich nach meinem Abschluß nun pro Semester 250 DM Studiengebühren dafür bezahlen sollte, daß ich meinen Doktor machen wollte, zog ich mich endgültig aus dem Universitätsbetrieb zurück. Die Universität verkehrte nach meinem Gefühl offenbar perverserweise die Relationen: ich will was geben (eine wissenschaftliche Arbeit), aber sie tun so, als wollte ich was nehmen (nämlich den Doktor-Titel) und dafür soll ich bezahlen.
  • Familie. Wie schon oben bei Tante Gretel angedeutet, war ich das Schwarze Schaf der Großfamilie, die sich aus Tante Gretel und meiner Mutter Agnes sowie dem paranoiden Säufer & Prügler Onkel August und meiner Cousine Waltraud und meinem Cousin Günter und mir zusammensetzte. Meine Mutter hatte beide Seelen in ihrer Brust mir gegenüber, wobei der schwarze Anteil mir gegenüber (der vermutlich entscheidend mit zu ihrer Flippigkeit beitrug) von der verhärmten & geprügelten, doch ach so guten Seele Gretel (später fortgesetzt von  ihrer Tochter Waltraud) stark genährt wurde (was ich aber erst heutzutage durchschaue). Mittlerweile (seit dem Tod meiner Mutter – weiß der Kuckuck warum) ist sogar mein Cousin Günter gegen mich!
  • Beruf. Von Beruf kann eh nicht die Rede sein. Dafür war ich seit der Ami-Zeit und ebenfalls Teufelslustgärtchenzeit, viel zu freiheitlich gesinnt. Aus der kaufmännischen Lehre wurde ich gottseidank schon in der Probezeit vorzeitig entlassen. Meine diversen Hilfsarbeitertätigkeiten danach waren zwar eine Schule für’s Leben, aber nur selten von positiver Kameradschaft getragen – wie ausnahmsweise mal die kleine Truppe beim Stahlrohr-Gerüstbau für das 50 m hohe Kraftwerk Wölfersheim (bei Friedberg), der ich einige Zeit (im eiskalten Winter 1961-62) angehörte.
  • Zwei kuriose Highlights habe ich noch im Kopf, die das Ganze abrunden. Erstens: Meine Bewerbung als studentischer Tutor und später auch als studentischer Bibliothekshelfer an dem (‚linken’) Fachbereich Gesellschafts-Wissenschaften wurde jeweils mit großer Mehrheit abgelehnt von der Großen Runde aller Dozenten & Professoren (wozu auch der besonders höhnisch lächelnde, in unserer Provinz Stadt-bekannte, Seminar-Marxist Heinrich Brinkmann gehörte – so was vergißt man nicht!). Zweitens: Meine Bewerbung bei dem (‚alternativen’) StattAuto wurde wider die explizit vorausgesetzten objektiven Kriterien von zwei der drei entscheidenden Vorstands-Figuren abgelehnt. Die dritte Figur war meine Frau Barbara, die sich enthielt, weil sie die anderen beiden nicht unter Druck setzen wollte.
  • Der einzige, der mich für einige Tätigkeiten (in seinen Diskotheken) gegen Bezahlung von sich aus gebrauchen konnte, war mein guter Freund aus Hessenkollegs-Zeiten Günter Siebert. Das hat mir jedesmal verdammt viel geholfen. - Nachträglich noch einmal Dank an Dich, Günter!
  • In meine 17-jährige Zeitungsträger-Tätigkeit (die mir endlich berufliche Friedhofsruhe & inneren Frieden gewährte), konnte ich mich über meine Mutter einschleichen (sonst hätten die Herren mich vermutlich nicht genommen). Doch gab es immerhin dann, immer deutlicher werdend, während dieser Zeit den stellvertretenden Vertriebsleiter Reischel, mit dem ich mich schließlich immer besser verstand, bis hin zur persönlichen Connection (nach meinem durchaus friedlichen Ausscheiden aus dem Betrieb).
  • Kirche. Obwohl ich ein tiefgläubiges, religiös ergriffenes Kind war, hatte ich als katholischer Meßdiener und Pfadfinder einen ziemlich schweren Stand. Doch gab es auch hier ein leuchtendes Highlight, das war Kaplan Heinstedt, eine Seele von einem Seelenhirten. Aber richtig helfen konnte er mir auch nicht. Es war einfach gut, daß es ihn gab. -  Als ich dann in die sozialistische und erst recht kommunistische Linie reingeriet, wurde ich dort echt gefördert und endlich anerkannt. Das hat mein Leben als Schwarzes Schaf vollkommen umgekrempelt. Nach meiner Trennung vom Kommunismus (ich wurde kritisch), geriet ich in die existentialistische Richtung des Trampens.
  • Partei. Interessant war die Geschichte mit den Grünen. Diese verdeutlicht wieder auf das Genaueste mein Problem mit der offiziellen Welt. Ich und Barbara waren maßgeblich mitbeteiligt an der Gründung der Grünen in Gießen (1979/80). Die treibende Kraft waren die Pohlheimer Ecki und Gabi, die ich persönlich schon aus der ‚Grünen Partei Zukunft’ (GAZ, Herbert Gruhl) her kannte, vor allem Ecki. Aufgrund meiner linken studentischen Connections konnte ich die Verbindung zur linken grünen Bewegung in Gießen herstellen (GLH und KB  (in der ESG)) und dadurch diesen damaligen, ungeheuer spannenden, Vereinigungsprozeß Ende 1979 auch in Gießen forcieren. Des Weitern konnten wir dann zusammen mit den ‚Wertkonservativen’ gemeinsam die Sache in Gießen immer weiter erfolgreich aufbauen. Ich war in dieser Zeit eine der maßgebenden Figuren im Stadtverband, vermutlich sogar die maßgebende. (Der Grüne Macher Ecki kümmerte sich nunmehr um den Aufbau eines ‚Kreisverbandes’).  Ich und Barbara waren regelrecht begeistert und enthusiasmiert von den neuen Möglichkeiten einer wirklich alternativen Partei. Wir hatten in der Tat durch unseren idealistischen Einsatz Erfolg bei den Kommunalwahlen 1981. Und dann kam mein Absturz. Da ich kein Interesse an einem Mandat bekundete (ich wollte das in meiner Naivität andern überlassen, und mich weiter um den Stadtverband kümmern, obwohl ich damals wirklich keinerlei Problem gehabt hätte, als Kandidat aufgestellt zu werden), entstand offenbar ein (mir unbekanntes) politisches Vakuum, das nun von teilweise merkwürdigen Figuren, die sich inzwischen als Kandidaten bereiterklärt hatten, ausgefüllt wurde. Ich wurde von diesen systematisch ausgebootet und verließ deswegen den Stadtverband und trat, zusammen mit Barbara, aus den Grünen aus.
  • Weiber. Das ist ein ganz analoges Problem zu Beruf, Schule, Familie und allem bisher aufgeführten. Da gab es einige, die mochten mich wirklich (teilweise war ich zu blöd, das zu kapieren, und was draus zu machen, wenn ich beispielsweise in meiner Aufbau-Schulzeit an die nicht aufgemotzte, aber dennoch schöne und aus besonderem Elternhaus stammende, Christa  Duhme denke), und es gab andere (die Mehrheit), die verachteten mich (mehr oder minder). - Ich verliebte mich gewöhnlich in Mädchen/Frauen, die in der Regel gar nicht wußten, was das soll (beispielsweise Rodtraut, Silvia, Siegrid, schließlich auch Ildiko). Da fehlte meinerseits jegliche Überlegung (außer sie seien schön und da müsse ich mich drin psychisch vertiefen). – Die Weibergeschichten konnten mich jedoch besonders unglücklich, selten auch glücklich machen, denn sie lenkten mein Leben total, – eben weil sexuelle Weiber, nach allen offiziellen Vorstellungen, die ich kennenlernte (Ami-Musik und Filme vor allem), sozusagen die ‚Glücksgaranten’ waren. – Es hat verdammt lang gedauert, bis ich diesen (matriarchalen?) Trick (daß Frauen mit ihrer Sexualität die Glücksgaranten seien) durchschaute. – Ich habe mich selber schlecht verhalten gegenüber einem liebenswerten Wesen, das sich mir  (nach diversen jungen Jahren von sexuellem Durcheinander) voll zuwandte. Uschi. Shame on me! Dann auch noch die Katastrophe mit Ildiko, die mein poetisches Gefühl auf Null stellte. Schließlich und endlich bin ich seit vielen Jahren 1 Herz & 1 Seele mit Barbara. Das geht aufgrund von gemeinsamer argumentativer Analyse, die wir beide gut beherrschen. Wir wurden auf diese Weise in der Tat (und nicht nur formell- standesamtlich) Mann & Frau. Der Has – also Barbara -  verkörpert all die positiven Verhaltensweisen der wenigen Menschen, die mir jemals wirklich zugeneigt waren.