Cohen-Master-Song-3

Cohen-Master Song – Teil 3

 

26.07.10

Der Master und die Psychiatrie

 

Leonard Cohen in seinem ‚Master-Song’ brachte mich auf eine Idee. Es heißt dort in einer Zeile: „I must keep locked away [eingesperrt sein oder werden?] in my head.“ M.a.W. die Frage ist: ist er es oder wird er es?

 

Ich denke, es ist beides. Aber ich will mich jetzt auf den er wird-Aspekt konzentrieren. Er wird also eingesperrt bzw. weggesperrt in seinem Hirn. Und daran ist der ‚Master’ maßgeblich beteiligt. Was soll uns das sagen? Der „Prisoner“ (von erre) ist quasi ein ‘psychiatrischer Fall’.

 

Es gibt ja viele Sorten von ‚Master’. Nicht alle sind Weiberhelden. Viele sind einfach nur biedere Spezialisten, die jedoch auf ihre Rolle stolz sind wie ein Offizier (am besten mit Orden). Und genau das ist der Punkt: im normalen Leben treten die Master in einer Art Offiziers-Rolle auf, wie ich das mal nennen will: als Ärzte, Lehrer, Professoren, Ingenieure, Architekten, Unternehmer, Vorstände, Schriftsteller, Abgeordnete, Bürgermeister, Kapitäne, Pfarrer, Rechtsanwälte, Richter, Apotheker, Handwerksmeister, Köche, Schauspieler, Regisseure, Gastwirte, usw. – Also das ganze Heer der wachen und aktiven Gut-Bürgerlichkeit.

 

In diesem Offiziers-Rollen-Rahmen existieren auch die Psychiater. Sie übertragen auf ganz eigentümliche Weise das scheinbar harmlose Offiziers-Rollenmodell ‚Arzt-Patient’ auf den Umgang mit psychisch auffälligen Menschen. Das kann seinen guten Grund haben, aber auch seinen schlechten. Es gibt mittlerweile eine handfeste Kritik an der klassischen Psychiatrie. Auch in der üblichen Arzt-Patient-Beziehung gibt es üble Fälle (beispielsweise völlig unsinnige Operationen). Aber wo gibt es üble Fälle in den Rollenbeziehungen nicht? Z.Zt.  (2010) gibt es gerade eine Aufklärungskampagne bezüglich Mißbrauchsfällen von Pfarrern und Internatslehrern an Knaben und Mädchen.

 

Was ich meine, ist jedoch irgend noch was Anderes als der übliche, stinknormale ‚Mißbrauch’. Ich meine prinzipiell die Idee, daß psychische Probleme in dieses Offiziers-Rollengefüge Arzt-Patient gepreßt werden. (Ich denke gerade nebenbei an Büchners Woyzeck, verfilmt von Werner Herzog). Da müßte erst mal genauer geklärt werden, wo das wirklich angebracht ist, beispielsweise bei einem Gehirnschaden nach einem Autounfall. – Andererseits ist diese Frage müßig, denn hier in dieser Gesellschaft wird alles Mögliche zwanghaft von vornherein in irgendein Offiziers-Rollengefüge gepreßt. Selbst der nächst beste Wald- und Wiesen-‚Betreuer’ für irgendwen fühlt sich in der Regel sofort als Offizier. – Auch sind die meisten Patienten bzw. Klienten bzw. Betreuten in der Regel gar nicht in der Lage, anders als auf ein Offiziers-Reglement  (mit entsprechendem sanktionierendem institutionellem Background) sinnvoll zu reagieren.

 

Und jetzt komme ich endlich zum Kern der Sache. Dieses Offiziers-Rollen-Schema bestimmt nicht nur die Interaktion sondern auch die Theorie und die Diagnose – ganz besonders in etlichen (für mich interessanten) psychiatrischen ‚Fällen’.

Das wird sogar noch extremer, allein daß eine negative psychiatrische Diagnose auf jemand angewandt wird, ist sein soziales Todesurteil! Das mag berechtigt sein im Falle von Schwerverbrechern und von antisozialen Psychopathen. Aber es gibt ja auch mißliebige Fälle von (relativ harmlosen, sozusagen politischen) ‚Patienten’, die das Rollensystem als solches in Frage stellen. Ich denke z.B. an Allen Ginsberg: “I saw the best minds of my generation destroyed by madness” . -  In October 1955, Ginsberg and five other unknown poets gave a free reading at an experimental art gallery in San Francisco. Ginsberg's Howl electrified the audience. According to fellow poet Michael McClure, it was clear "that a barrier had been broken, that a human voice and body had been hurled [geschleudert] against the harsh [schroff] wall of America and its supporting armies and navies and academies and institutions and ownership systems and power support [unterstützenden] bases [Militärbasen]." (aus der  englischen Wikipedia über Allen Ginsberg).  – Daß Allen Ginsberg psychiatrischen Elektroschocks ausgeliefert wurde, seine kommunistische Mutter per Gehirnoperation behandelt, ‚lobotomisiert’ (leukotomisiert) wurde, ist übrigens mittlerweile weitestgehend aus den offiziellen Annalen getilgt, nachdem Ginsberg in den Literatur-Kanon aufgenommen wurde. Auch über Hemingways Tod erfährt man nur halbwahre Zeitungs-Märchen (wg. Depression habe er mit einem Gewehr Selbstmord begangen). Tatsächlich sieht die Sache, genauer betrachtetet, etwas anders aus:

In 1961, suffering from depression, Ernest Hemingway, the Pulitzer Prize-winning author, was placed on a regimen of electroshock treatment twice a week by his doctors (Ferrell 214). Complaining about electroshock therapy "ruining my head and erasing my memory", Hemingway sank deeper into depression (Eastgate 30). After several suicide attempts, Hemingway was placed into a clinic in May of that year. In late June he was released, and on July 2nd, Hemingway took his own life with a shotgun (Ferrell 215).

Ein anderer, möglicherweise typischer Fall:

Frances Farmer was a young rising movie star in the 1930's and 1940's. A political activist with communist sympathies, Farmer was considered to be very rebellious and had several run-ins [heftige Auseinandersetzungen] with authorities, until her parents had her declared mentally incompetent and committed [einweisen] in 1942. After spending several years in a series of hospitals and asylums, Farmer's condition showed no signs of improvement.

(aus: The Foetid  [die stinkenden] Halls of Allen Ginsberg).

Auf diesem sozusagen politischen Gebiet entfaltet das Offiziers-Rollen-System der Psychiatrie bzw. der Psychotherapie seine übelste – und vielleicht sogar wichtigste - Funktion. Vor allem durch seine  Laokoon-Struktur der definitiven, endgültigen, stigmatisierenden Ausgrenzung von einmal als solchen erkannten ‚Patienten’ aus dem ‚ernstzunehmenden’ Bürger-Diskurs: Das sind Psycho-Penner, mit denen man nix zu tun haben will!

 

Indes gehen die betroffenen Leute automatisch selbst von einer Diagnose aus, die dem Rollen-System entspricht: sie sind ‚psychisch Kranke’, sie bedürfen der ‚Heilung’, sie brauchen ‚Hilfe’ von kompetenten ‚Ärzten’. – All dies ‚wissen’ sie ganz intuitiv.  Es geht eigentlich nur noch um das modernste wissenschaftliche ‚Heilverfahren’.

 

Ja, es ist klar, sie leiden. Das soll hier keinesfalls wegdisputiert werden.

Aber die Erklärungen und Folgerungen können auch ganz anders als üblich aussehen, d.h. sie müssen keineswegs notwendigerweise in das Offiziers-Rollen-Raster passen. Die Fragen lauten dann möglicherweise (etwa für Leute à la Ginsberg, Hemingway oder Frances Farmer):

  • Bin ich wirklich ‚krank’ – oder stehe ich in einer geistig-moralischen Entwicklungskrise (in einer komplizierten Gesellschaft, die ich mir bisher gutgläubigerweise zu einfach vorgestellt habe)?
  • Bedarf ich der ‚Heilung’ im medizinischen Sinne – oder geht es eigentlich um eine geistige, moralische, psychische und soziale Weiter-Entwicklung oder gar Neu-Definition im humanen Sinne?
  • Brauche ich Hilfe von ‚kompetenten Ärzten’ – oder brauche ich Hilfe zur Selbsthilfe, d.h. relevante geistige Anstöße für meine weitere geistige Entwicklung (z.B. von ernsthaften Philosophen Soziologen, Familientherapeuten à la Horst Eberhard Richter, Literaten, Politologen, Historikern, usw.)?
  • Gibt es ‚moderne Heilverfahren’ – oder geht es um moderne Erkenntnisse bzgl. Kommunikation, Argumentation, etc.?