Stigmatisierung

 

13,07.16

Stigmatisierung

 

Man versteht meiner Ansicht nach ‚unsere‘ Gesellschaft nur sehr schlecht, vielleicht sogar überhaupt nicht, wenn man die überragende Rolle der Stigmatisierung übersieht, die ihre Gestaltung prinzipiell regelt.

Damit hier die nötige Verallgemeinerung erreicht wird, möchte ich die Sache in zwei sich gegenseitig ergänzenden Formen sehen, sowohl die bekannte negative als auch die so bisher nicht bezeichnete positive Stigmatisierung.

Der positiv stigmatisierte ist der Musterschüler, der offizielle Sportler, die attraktive Frau, der gut verdienende Beamte oder Angestellte, der erfolgreiche Geschäftsmann, die Ärztin, der Architekt, der anerkannte Künstler, Wissenschaftler: M.a.W. der erfolgreiche Bürger samt dessen Ehefrau mit Kindern. Das ‚Stigmatisierende‘, Quälende bei ihnen ist, daß sie sich meist sehr anstrengen müssen, ihre ideale Position zu halten. Nicht selten werden sie dafür reichlichst entlohnt: Mit Ehren überhäuft und/oder finanziell bzw. statusmäßig bestens ausgestattet.

Der negativ stigmatisierte ist der uneheliche Sohn einer Fabrik-Arbeiterin, oder die sportliche Flasche, oder der krumm und hilflos daherkommende Schüler, oder die unattraktive, dicke junge Frau, der dicke Harz IV-Empfänger, der arme alte Rentner mit seinem Rollator, der Zeitungsträger in den Morgenstunden, oder der frühmorgens zur Arbeit hechelnde Malocher. Natürlich dann das Heer der Krüppel: Rollstuhlfahrer, Gehbehinderte, geistig Behinderte, sprachlich Behinderte usw. die man nicht ernst nimmt, und die sich selbst nicht ernst nehmen. Schließlich die mit Medizin vollgepumpten Alten, die nur noch als Schatten durch die Welt schleichen. Nicht zu vergessen alle, die psychisch offiziell krank sind. Des Weiteren die Zuchthäusler, Vagabunden und Süchtigen. – Selbstverständlich gibt es für die negativ stigmatisierten keinerlei offizielle Ehrung noch Kohle außer vielleicht Sozialhilfe, Hartz-4, Suppenküchen und dergl.

Das Prinzip ist ganz einfach: Lege ein gesellschaftliches Ideal fest und alle, die dem entsprechen sind positiv stigmatisiert und alle, die dem nicht entsprechen sind negativ stigmatisiert. Diese Festlegung ist natürlich ein Machtphänomen. Und tatsächlich fühlen sich meist ziemlich kümmerlich denkende Leute berufen, sofern sie in Schaltstellen der Medien bzw. der Meinungsbildung sitzen, klar zu stellen, wer jetzt nicht zum Ideal gehört. Man denke dabei paradigmatisch an den Antisemitismus der NS-Propaganda. Aber auch andere Hetzkampagnen sprechen Bände, beispielsweise solche von 1967/1968 bei der Studentenbewegung. Aber es gibt noch weitere Medien-Hetzkampagnen. Da dieses Thema ein Feld mit gefährlichen Tretminen ist, werde ich darüber nicht weiter reden. Hetzkampagnen sind meiner Ansicht nach das Lebenselexier der Spießerdemokratie. Hier geht’s allemal darum, auf höchster Ebene jemanden bzw. eine Gruppe hinzurichten, indem er/sie zutiefst negativ stigmatisiert wird. Ich nenne nur als eine der letzten Bravourstücke dieser Hetzkampagnen diejenige gegen Thilo Sarrazin (der trotz Hetzkampagne nicht notwendigerweise meine volle Sympathie für seine Ideen hat - das wird man ja wohl noch unterscheiden können).

 

Medien-Hetzkampagnen sind meiner Meinung nach die höchste Kontrollinstanz der negativen Stigmatisierung. - Wieso?

Alles Weitere sind niedrigere Kontrollinstanzen. Aber die höchste Kontrollinstanz stellt von vorneherein klar, wie normal und selbstverständlich negative Stigmatisierungen sind!

 

Die TV-Werbung andererseits stellt bildhaft-anschaulich klar, was positive Stigmatisierungen sind. Und da hiermit alle Leute (zumindest die permanenten Fernsehglotzer) mitkriegen, was das ‚Ideal‘ ist, wissen sie auch automatisch, was nicht das Ideal ist, was also bäh ist. Man wird ja wohl kaum arme dicke Hartz-4 Menschen in der Werbung finden, auch keine Säufer und Asoziale! Jedoch in der Realität sind arme dicke Menschen (in ‚unserer‘ gegenwärtigen Gesellschaft) absolut präsent: man schaue sich nur mal in den Fußgängerzonen und/oder Bushaltestellen genauer die vorbeiziehenden Leute an.  Folglich fallen sie außerhalb des Ideals, folglich sind sie out, folglich sind sie mehr oder minder stigmatisiert – oder fühlen sich so. – Man wird auch kaum den Schönheitsnormen nicht entsprechende Frauen in der Werbung finden. Entsprechend sind alle nicht in dieses Raster fallende Frauen out. Folglich sind sie mehr oder minder stigmatisiert – oder fühlen sich so. Auch die schönen idealen Alten in der Werbung sind so ein Beispiel.

Man kann also davon ausgehn, daß  gut und gern 50% des realen Volkes sich mehr oder minder als outcasts, d.h. stigmatisiert fühlen.  Das ist die reale Ausgangssituation ‚unserer‘ Gesellschaft. Darauf beruht ‚unsere‘ Demokratie und auch ‘unsere’ Freiheit mitsamt der falschen, honigsüßen, verschleiernden offiziellen Wahrheit über ihre Realität.

 

Zu überlegen ist des Weiteren noch folgendes: In welchem Maße ist es eine Art eigene Anpassungsleistung eines Individuums, wenn es in die negative Stigmatisiertenrolle hineinwächst? Spielen etwa psychosomatische Kräfte eine Rolle, wenn jemand gegenüber den idealen Vorgegebenheiten versagt?

Da würde ich folgende Hypothese wagen: Die meisten negativ Stigmatisierten erbringen dies in unbewußter ‚Eigenleistung‘! (Also natürlich keineswegs weil sie an und für sich genetisch kriminell oder unangepaßt sind). Und zwar weil sie spüren, daß sie idealen Normen (der Werbung beispielsweise) nicht entsprechen können. Da ihnen gewisse Voraussetzungen dazu fehlen, bedienen sie in einer Art vorweggenommenem Gehorsam unbewußt eine negative Stigmatisiertenrolle.

Beispiele:

  • Ein junger Mann, der nach schönheitsidealen Frauen lechzt – aber nicht weiß, wie er da dran kommen soll – kriegt Pickel. Dadurch ist schon mal eine objektive Barriere aufgebaut, die ihm die Abweisung objektiv gerechtfertigt einbringt (auch vor sich selber).
  • Ein Schüler, der merkt, daß er den idealen Normen spießiger Lehrer eines braven, fleißigen, ordentlichen Schülers nicht gerecht werden kann, entwickelt das Symptom des ständig zu-Spät-kommens. Damit ist seine Abweisung durch diese Lehrer objektiv gerechtfertigt.
  • Ein Mensch, der merkt, daß er den üblichen Idealnormen nicht entsprechen kann (oder will), wird dick. Dadurch haben diejenigen, die ihn ablehnen, eine objektive Basis ihrer Ablehnung.
  • Ein junger Mann, der unbewußt spürt, daß er es zu mehr als einem (den Idealstandards bürgerlicher Gesellschaft entsprechend) armseligen Dasein nicht bringen kann, entwickelt Größenwahnphantasien der Zukunft, die ihn jedoch real in die Rolle des negativ stigmatisierten psychisch Kranken hineintreiben. 
  • Jemand, dessen eigentliche Qualifikationen in seinem sozialen Umfeld kaum gefragt sind, entwickelt ein Suchtverhalten, das es seinem verständnislosen Umfeld erlaubt, sich objektiv gerechtfertigt über ihn zu erheben.
  • Jemand wird auf Dauer arbeitslos, weil er wenig qualifiziert ist und stattdessen eine Karriere als Alkoholiker beginnt. Er wird somit objektiv zum Sozialschmarotzer.
  • Ein Kind, das von seinen Eltern keine Liebe erfährt, rastet aus, und wird sozusagen ‘aus heiterem Himmel’ handgreiflich gegen andere Kinder, wenn es von einem Elternteil im Kindergarten abgeholt wird. Das Kind wird somit als objektiv aggressiv verurteilt und hat keine Liebe verdient.

Am Schlimmsten sind ja nun diejenigen, die selber für sich die negative Stigmatisiertenrolle verhindern wollen, indem sie zwanghaft andere negativ stigmatisieren. (Da war unser oberster Führer und Größter Feldherr aller Zeiten ein leuchtendes Beispiel – und mit ihm ein gewaltiger Prozentsatz seiner Gefolgsleute). Dieses Thema der Zusammenrottung minderbemittelter Spießer, die sich Opfer für negative Stigmatisierung aussuchen, damit sie selber gut dastehen, bedürfte noch der genaueren Untersuchung. Dazu zählen übrigens auch Eltern, die ihr Kind verurteilen, wiewohl sie doch selber ursächlich an der Fehlentwicklung des Kindes maßgeblich beteiligt sind. Würde man solche Eltern kritisch auf das reale Problem hinweisen, kämen sie sich selber stigmatisiert vor - und würden in der Regel dann richtig böse und beleidigt sein. Deshalb läßt man es am besten, wie es ist.

 

 

Zusammengefaßt: die Stigmatisierungsstruktur (positiv und negativ) hat ziemlich unglückliche Auswirkungen auf das reale Alltagsleben von schätzungsweise 50% der Bevölkerung, die sich negativ stigmatisiert erlebt.

 

 

2. Teil: Stigmatisierung und Christentum

 

Auferstanden von den Toten

 

Natürlich glaubt kein rational denkender Mensch daran, daß Jesus nach seinem leiblichen Tod wieder von den Toten ‘auferstanden’ ist.

Wenn man jedoch ‚Auferstehung‘ metaphorisch interpretiert, so kann der Sache einiges an Sinn abgewonnen werden. Nämlich dann, wenn man die Sache auf ‚Stigmatisierung‘ bezieht. Wer stigmatisiert ist, ist sozusagen gesellschaftlich tot. Wer es schafft, daß er aus dieser Stigmatisierung befreit wird, der ist gesellschaftlich (wieder) auferstanden von den Toten.

Entsprechend läßt sich die ‚Kreuzigung‘ als Stigmatisierung interpretieren. Das Christentum in diesem Sinne wäre dann die Erlösungsreligion von der Stigmatisierung. Je klarer das Christentum humanistisch ist, desto klarer kommt diese Anti-Stigmatisierungstendenz zum Vorschein. Man denke an die Sklavenbefreiung (z.B. an Lincoln) oder an Thomas Münzer. Je weniger das Christentum humanistisch ist, also bigott, wundergläubig, Bibel-dogmatisch, fanatisch-fundamentalistisch, ewiges Leben nach dem Tod verheißend, desto mehr -  behaupte ich -  beteiligen sich diese Christen prinzipiell real selber in allen möglichen Lebensbereichen an der Stigmatisierung (‚Kreuzigung‘).

Insofern spannte meiner Ansicht nach das Christentum typischerweise im Laufe seiner Geschichte immer 2 Fraktionen auf: eine humanistische und eine antihumanistische – was sich manchmal zu regelrechten Vernichtungsorgien gegen die Humanistenfraktion steigerte. Hier denke man paradigmatisch an Thomas Münzer oder an die Hussiten. Ähnliche Verfolgungen gab es in Italien während der Frührenaissance. (Vgl. den instruktiven Roman von Umberto Eco: „Der Name der Rose“).

 

Man kann auch sagen: historisch gesehen, handelt es sich bei der christlichen Kirche um eine äußerst komplizierte institutionelle Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Mechanismus der Stigmatisierung, der eine Art sozialer Krankheit von Hochkulturen ist (keineswegs sein muß!).

 

Wieso Christus ‚Gottes Sohn‘ ist, wenn er mit seiner Kreuzigung und Auferstehung  die ‚Erlösung‘ ermöglicht, könnte ich mir halbwegs problemlos so erklären, daß Christus damit der Weg zum Leben ist. Der Highway zum eigentlichen, göttlichen Selbst des Menschen – die Überwindung der Hölle, die ansonsten mehr oder minder ständig auf den Menschen wartet. Nicht die Hölle nach dem Tod (die ist ja wohl kurioser Nonsens), nein, nein mein Freund, sondern die Hölle dieses jetzigen, realen Lebens; eine Hölle, die, obwohl stetig hintergründig lauernd, keineswegs besonders wahrscheinlich sein muß. Ganz deutlich: die Hölle des Krieges, der Ausbeutung, der Armut, des Hungers. Weniger deutlich: der Krankheit, der Einsamkeit, des Lebens in der Unwahrheit, der Ideologie – und vor allem des Zwangs zur Stigmatisierung unglaublich vieler Volksgenossen, die sich außerdem zwanghaft selber stigmatisieren.

 

Aber ist es nicht toll, wenn man von den Toten aufersteht?

Bedeutet das, daß man zum ‚Bürger‘ mutiert? Ich denke nein. Was aus den ‚Emanzipierten‘ real wird, ist eine interessante Frage. Man schaue sich diesbezüglich die Neger in Amerika an, die deutschen Juden vor Hitler, die Homosexuellen seit den 80er Jahren und die heutigen Behinderten in Deutschland. Ich denke, 100%ige Bürger oder Spießbürger im eigentlichen Sinne werden diese real emanzipierten Volksgruppen oder Bevölkerungsteile in der Regel nicht. Es wird wohl immer eine mehr oder minder starke Differenz da sein.

Im Übrigen gibt es auch eine ganze Reihe Völker, die nach dem 2. Weltkrieg vom Kolonialismus  emanzipiert sind.

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(US-Plakat von 1943 - Siehe Wikimedia)

 

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(Urheber Winston Churchill, 14. August 1941 - Siehe Wikipedia/Wikimedia)

 

Die Atlantik-Charta vom 14. August 1941

Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika und Ministerpräsident Churchill, als Vertreter der Regierung Seiner Majestät im Vereinigten Königreich, erachten es als ihr Recht, einige allgemeine Prinzipien der Politik ihrer Länder bekanntzugeben, Prinzipien, auf deren Verwirklichung sich ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft der Welt gründen.

  • Ihre Länder streben keinerlei Bereicherung an, weder in territorialer noch in anderer Beziehung.
  • Sie wünschen keinerlei territoriale Veränderungen, die nicht im Einklang mit den in voller Freiheit ausgedrückten Wünschen der betroffenen Völker stehen.
  • Sie achten das Recht aller Völker, sich jene Regierungsform zu geben, unter der sie zu leben wünschen. Die souveränen Rechte und autonomen Regierungen aller Völker, die ihrer durch Gewalt beraubt wurden, sollen wiederhergestellt werden.
  • Sie werden, ohne ihre eigenen Verpflichtungen außer Acht zu lassen, für einen freien Zutritt aller Staaten, der großen wie der kleinen, der Sieger wie der Besiegten, zum Welthandel und zu jenen Rohstoffen eintreten, die für deren wirtschaftliche Wohlfahrt vonnöten sind.
  • Sie erstreben die engste Zusammenarbeit aller Nationen auf wirtschaftlichem Gebiete, eine Zusammenarbeit, deren Ziel die Herbeiführung besserer Arbeitsbedingungen, ein wirtschaftlicher Ausgleich und der Schutz der Arbeitenden ist.
  • Sie hoffen, dass nach der endgültigen Vernichtung der Nazi-Tyrannei ein Frieden geschaffen werde, der allen Völkern erlaubt, innerhalb ihrer Grenzen in vollkommener Sicherheit zu leben, und der es allen Menschen in allen Ländern ermöglicht, ihr Leben frei von Furcht und von Not zu verbringen.
  • Dieser Friede soll allen Völkern die freie Schifffahrt auf allen Meeren und Ozeanen ermöglichen.
  • Sie sind von der Notwendigkeit überzeugt, dass aus praktischen wie aus sittlichen Gründen alle Völker der Welt auf den Gebrauch der Waffengewalt verzichten müssen. Da kein Friede in Zukunft aufrechterhalten werden kann, solange die Land-, See- und Luftwaffen von Nationen, die mit Angriff auf fremdes Gebiet gedroht haben oder damit drohen können, zu Angriffszwecken benutzt werden können, halten sie bis zur Schaffung eines umfassenden und dauerhaften Systems allgemeiner Sicherheit die Entwaffnung dieser Nationen für notwendig. Ebenso werden sie alle Maßnahmen unterstützen, die geeignet sind, die erdrückenden Rüstungslasten der friedliebenden Völker zu erleichtern.

(Übersetzungstext aus Wikipedia)

 

Die Emanzipations-Proklamation von Lincoln 1863

 

      EmancipationProclamation 520

(Author: Engraving by W. Roberts - Siehe Wikipedia/Wikimedia)

Eine deutsche Übersetzung konnte ich nicht finden. Den englischen Text findet man hier.

 

Siehe auch den interessanten Artikel zu Lincolns Emanzipations-Proklamation in der “Welt” . In ihm wird die Bedeutung, die Hintergründe und ihre Auswirkung genauer erklärt.

 

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Zu dem Thema Christentum in dem hier verwendeten Sinne paßt sehr gut eine geplante Rede von Thomas Mann (1939): “Das Problem der Freiheit”. Wegen des Kriegsausbruchs wurde die Rede nicht mehr gehalten.

      1939_Thomas_Mann_Problem_Freiheit 520

Rede vorbereitete für die Sitzung des XVII. Internationalen P. E. N. – Kongresses im September 1939. Stockholm: Bermann – Fischer 1939, 37 Seiten. Erstdruck

(Foto von H.-P. Haak - siehe Wikipedia/Wikimedia)

Thomas Mann, dem die Verteidigung von Demokratie und Freiheit in dieser Zeit besonders am Herzen liegt, propagiert in seiner politischen Rede die Fortentwicklung der liberalen Demokratie zur sozialen Demokratie, um sie desto besser gegen Faschismus und Bolschewismus verteidigen zu können. Hier sieht er sich bestätigt durch den US-Präsidenten Roosevelt. In einem geschichtlichen Rückblick geht Th. Mann auch auf den “jungen Sozialismus” der 1830er Jahre in Frankreich ein, speziell auf den Saint-Simonismus. Die folgenden Zitate stammen aus: Thomas Mann, Schriften zur Politik, Suhrkamp, Ffm 1973, S. 143-162.

<”Die Religion” erklärt Saint-Simon, “soll die Gesellschaft dem großen Ziel der möglichst schnellen Verbesserung des Loses der zahlreichsten Klasse entgegenführen.” Das ist durchaus christlich empfunden; aber es ist ein entwickeltes, vom Dogma gelöstes und der Erde, dem Gemeinschaftsleben zugewandtes Christentum, ein christlicher Humanismus, der in der Menschheit la fille de Dieu, die Tochter Gottes, sieht und ihre Zukunft glänzend wünscht.> (S. 150)

Thomas Mann sieht die besondere Stärke des Christentums in seiner “Vergeistigungsfähigkeit” (S.150), die damit  den christlichen Völkern die “Metamorphose” (S.151) gewährt.

<Man muß sagen: diese Einsicht in die Unsterblichkeit des Christentums, beruhend auf seiner Vergeistigungsfähigkeit, die es befähigt, seine kirchlichen Formen zu überleben und unabhängig von ihnen Lebensgeist und -grund der abendländischen Gesittung zu bleiben, ist ein großes Verdienst des jungen, aus der bürgerlichen Demokratie geborenen Sozialismus vom Anfang des neunzehnten Jahrhunderts und von stärkster Aktualität für uns Heutige, für die scheinbar das Christentum mit in die Krise der Demokratie hineingerissen wird, die wir erleben. Das hat seine Logik, denn Demokratie und Christentum sind eng verbunden, sie sind in dem Grade solidarisch, daß man die Demokratie die politische Ausprägung christlichen Lebensgefühls nennen kann; und unter ihrem Namen verteidigen wir nichts anderes als die sittliche Grundlage abendländischen Lebens, die geistige Einheit unseres Kulturkreises. Aber die Demokratie selbst, als Freiheitsbewegung, ist ja im emanzipatorischen Kampf gegen einen niederhaltenden Klerikalismus groß geworden, was sie nicht gehindert hat, als neue  Form abendländischen Völker- und Gesellschaftslebens im Christentum verwurzelt zu bleiben.> (S. 151)

Weiterhin sieht Thomas Mann einen Zusammenhang zwischen der christlichen “Caritas” und dem “Menschenrecht” (S. 152), da sich die Caritas

<... vornehmlich dorthin wendet, wo Liebe am nötigsten ist: zu den vielen, der zahlreichsten Klasse, den Armen, Enterbten und Bedrückten. Es ist die Forderung und das Statut des Menschenrechtes, dies christliche Erbe der großen bürgerlichen Revolution, worin beide Prinzipien, das individualistische und das soziale, Freiheit und Gleichheit sich vereinigen und einander wechselseitig rechtfertigen.> (S. 152)

Im Nationalsozialismus sieht Thomas Mann die volle Negierung unserer zivilisatorischen Grundlage. Die “sogenannte nationalsozialisatische Revolution” (S.157)

<... ist eine Revolution der leeren Gewalt, will sagen: des geistigen Nichts. (...) Es ist eine Revolution, wie es sie noch nicht gab, eine Revolution des absoluluten Zynismus, ohne irgendwelche Glaubensbindung und erfüllt von einer Lust an der Menschen- und Ideenschändung, die ohne Beispiel ist. (...) Aber worauf sie im Moralischen aus ist, das ist Vernichtung der Grundfesten unserer Zivilisation. Der letzte Sinn ihres Antisemitismus ist nicht die unsinnige Idee der Rasse-Reinheit des deutschen Volkes, sondern der Angriff auf das Christentum selbst; und auch wenn sie die Demokratie verhöhnt, so meint sie das Christentum, in welchem alle Demokratie wurzelt und dessen politischer Ausdruck sie ist. Freiheit, Wahrheit, Recht, Vernunft, Menschenwürde - woraus schöpfen wir diese Ideen, die der Halt und die Stütze unseres Lebens sind und ohne die unsere geistige Existenz zerfallen würde, als aus dem Christentum, das sie zum Weltgesetz machte? Eine Revolution, die an die Stelle jeder einzelnen von ihnen und an die Stelle der Gesamtheit die Gewalt setzt, - das ist der Antichrist.> (S. 157/158)