Milgram & Demokratie

Gleicher Text wie in Überlegung No.05 in der ‘Spießerdemokratie’ - Tell me why)

 

Milgram und die Demokratie – 60-70% Ferngesteuerte

 

(Die Erklärung für dieses Phänomen hängt meiner Ansicht nach sehr eng zusammen mit Überlegung No. 04 in der Spießerdemokratie)

 

Viele haben zwar schon vom berühmten 'Milgram-Experiment' gehört, aber vermutlich wissen die wenigsten, um was es Milgram eigentlich ging. Martha Stout gibt in ihrem, meiner Ansicht nach, sehr empfehlenswerten Buch „The Sociopath Next Door“ in dem Kapitel 3 mit dem bezeichnenden Titel „When Normal Conscience [Gewissen] Sleeps“ einen sehr guten Einblick in die Ideen von Milgram. Die entscheidende Geschichte ist die, daß unter dem starken Einfluß einer respektablen Autorität (hier in Form eines Weißkittel-Wissenschaftlers, der direkt hinter der Versuchsperson steht und seine Anweisungen gibt) ca. 60-70% der Leute ihr Gewissen an den Nagel hängen und sich den Geboten der Autorität überlassen. Nur etwa 30-40% leisten Widerstand gegen die gefährlichen Imperative der Autorität und gehen nicht bis ins Extrem. - Es handelt sich um simulierte Elektroschocks, wobei ein Schauspieler in einem anderen Raum immer lautere Schmerzensschreie von sich gibt, und um Aufhören bettelt, je höher die Voltzahl der Apparatur als Bestrafung gedreht wird.

 

Bei den Versuchspersonen handelte es sich zunächst um männliche Normal-Bürger: Lehrer, Angestellte, Verkäufer, Handwerker, Ingenieure. Später wurde das Experiment an Frauen wiederholt (S.63), ohne daß sich hier ein wesentlicher Unterschied zeigte (trotz der Vermutung, Frauen hätten mehr Empathie für das schreiende Opfer der Elektroschocks). Auch gab es Variationen des Experiments bzgl. des Grads der Anwesenheit der Autoritätsperson oder der Respektabilität des Anordnenden. Ein einfacher Mann (also kein Weißkittel) hatte nur 20%, die seinen Anordnungen folgten (S. 65). Daraus folgert meiner Ansicht nach Martha Stout schließlich zu Recht, daß es sich bei dieser Stilllegung des Gewissens bei einem hohen Prozentsatz der Versuchspersonen, um ein Problem von hierarchischen Gesellschaften handelt. (S.68). Wobei sich dieses Problem vor allem für Kriegsphänomene als äußerst wichtig erweist. Denn ihrer Ansicht nach würden Normal-Bürger, von sich aus, viel weniger bereit sein, 'Gegner' zu töten, als wenn entprechende Autoritäten hinter ihnen ständen, die das befehlen. Zu dieser Ansicht zieht sie interessante Studien herbei, die ich hier nicht weiter anführen will.

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Mir geht es hier um ein anderes spezielles Thema, nämlich das der 'Demokratie'. Insofern war das Bisherige nur die Einleitung dazu. Kurz gefaßt: Ist unter der Voraussetzung der oben dargelegten Milgram-Ergebnisse eine 'Demokratie', wie sich dieselbe die meisten engagierten Bürger vorstellen – und historisch in ihren Kämpfen für dieselbe (in Deutschland 1848, 1918, 1968 usw.) immer vorgestellt haben – überhaupt realistisch? Ist das nicht eine Chimäre?

 

Demokratie, in dieser naiven Vorstellung, ist erfahrungsgemäß durchaus sinnvoll unter Leuten, die ein konkretes Anliegen haben, das sich im gemeinsamen Diskurs – auch bei unterschiedlichen Ansichten – erörtern läßt. Da wissen mindestens 90% der Leute, worum es geht, und man kommt in der Regel durch den gemeinsamen Diskurs zu sinnvollen und haltbaren Ergebnissen.

 

Sobald dieser Rahmen verlassen wird, handelt es sich nach meiner Erfahrung nicht mehr um Demokratie in diesem naiven Sinne, sondern um was Anderes. Warum? weil in diesen anderen Formen einer nicht-naiven Demokratie das geistige Element des echten Diskurses weitgehend fehlt. Hier gleitet die Diskussion (sofern überhaupt noch eine stattfindet) typischerweise mehr oder minder ins Ideologische und in manipulative Beeinflussung ab.

 

Wenn bei entsprechender intensiver Indoktrination (und die ist immer gewährleistet!) 60-70% der Bevölkerung ihr Gewissen an den Nagel hängt, sobald die Autoritäten sie zu den Fahnen ruft (z.B. bei irgendwelchen Hetzkampagnen gegen Unliebsame), dann kann man bestenfalls noch von 'Spießerdemokratie' reden, aber nicht von naiver (sozusagen 'eigentlicher') Demokratie.

 

Was ich wirklich sagen will: Die Vorstellung von Demokratie als einer Mehrheitsherrschaft und gleichzeitig der Vorstellung, daß sich dadurch die Vernunft durchsetzt, beißt sich mit der Realität, daß der Vernunftgebrauch, wenn es wirklich hart auf hart kommt, von vornherein auf ca. 30-40% der Bevölkerung eingeschränkt ist, also prinzipiell nicht mehrheitsfähig ist.

 

Was sich also schließlich in der realen parlamentarischen Parteien-Demokratie ergibt, ist ein Eiertanz zwischen Vernunft und Mehrheit, die ihr Gewissen an der Garderobe des Parlaments abgegeben hat.

 

Kurz:  jeder radikaldemokratische Apell an die 'Demokratie' kann sich prinzipiell lediglich an 30 – maximal 40% der Bevölkerung richten (sofern es sich um Vernunft-Argumente handelt). Mehr an 'Demokratie' ist im Ernstfall nicht drin! Das hätten Büchner & Co. und alle sonstigen Radikaldemokraten schon längst mal beachten sollen! Und zwar nicht nur in der Praxis sondern auch in der Theorie. Denn die Frage ist doch: was folgt alles Mögliche aus dieser obigen Milgram-Erkenntnis, wenn es einem um das Wohlergehen und den Fortschritt einer Gesellschaft, wenn nicht gar der Menschheit zu tun ist?

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Hier noch ein interessantes Zitat:

THE ART OF
LOGICAL THINKING
OR
THE LAWS OF REASONING

By WILLIAM WALKER ATKINSON

 

L.N. FOWLER & COMPANY
7, Imperial Arcade, Ludgate Circus
London, E.C., England

1909
THE PROGRESS COMPANY
CHICAGO, ILL.

<While everyone reasons [schlußfolgern], the fact is equally true that the majority of persons reason incorrectly. Many persons reason along lines far from correct and scientific, and suffer therefor and thereby. Some writers have claimed [behauptet] that the majority of persons are incapable of even fairly correct reasoning, pointing to the absurd ideas entertained [erwogen] by the masses of people as a proof of the statement. These writers are probably a little radical in their views and statements, but one is often struck with wonder at the evidences of incapacity for interpreting facts and impressions on the part of the general public. The masses of people accept the most absurd ideas as truth, providing they are gravely [ernsthaft] asserted by some one claiming [in Anspruch nehmend] authority. The most illogical ideas are accepted without dispute or examination, providing [vorausgesetzt daß] they are stated solemnly [feierlich] and authoritatively. Particularly in the respective fields of religion and politics do we find this blind acceptance of illogical ideas by the multitude [die Menge]. Mere assertion by the leaders seems sufficient for the multitude of followers to acquiesce [einwilligen, zustimmen]. (S.8 f.)>

(Das Buch ist übrigens als e-book kostenlos erhältlich bei ‘Project Gutenberg’)