Gebertakt überspringen

12,03,30

 

Gebertakt per Volte-schlagen überspringen

 

Es handelt sich hier um einen interessanten ideologischen Argumentationstrick, der aber einiger besonderer Erklärung bedarf, um ihn zu verstehen. Ein kooperativer menschlicher Austausch – sei er materiell oder kommunikativ – hat als wesentliche definierende Eigenschaft, daß ein ausgewogenes Verhältnis von Geben und Nehmen existiert. Wenn die eine Seite X was gibt (was die andere Seite Y auch erwartet und anerkennt), dann ist umgekehrt auch die Seite Y verpflichtet, was zurückzugeben. Z.B. wenn X den Y grüßt, ist umgekehrt auch der Y verpflichtet, den X zu grüßen. Oder wenn Y von X wünscht, daß der ihm Schallplatten ausleiht, so ist auch Y verpflichtet, dem analogen Wunsch von X nachzukommen. Soweit also die einfache Logik des kooperativen Austausches. Entsprechend hat ein unkooperatives Verhalten als wesentliche definierende Eigenschaft, daß eben kein ausgewogenes Verhältnis zwischen Geben und Nehmen existiert. Z.B. wenn X den Y grüßt, so grüßt der entweder gar nicht oder nur abweisend zurück. Oder im Schallplatten-Beispiel ist Y gänzlich konsterniert, daß er selber seine eigenen heiligen Schallplatten nun auch an den X ausleihen soll – das geht natürlich nicht!

 

Kooperatives Geben und Nehmen muß nicht in Mark und Pfennig äquivalent sein. Wenn beispielsweise ein Reicher X einem Armen Y hilft, reicht ja als Äquivalent schon eine ernst gemeinte Dankbarkeit. Also, wenn X auf der Straße von Y angebettelt wird, und X gibt nun tatsächlich dem Y generöserweise ein solides Geldstück und der Y wendet sich danach wortlos ab, so kommt sich X natürlich verarscht vor.

 

Es kommt bei der Kooperativität auf das Feeling an: indem ich versuche, dem anderen ein positives Feeling zu vermitteln, erwarte ich umgekehrt, daß mir der andere wiederum als Gegenzug ebenfalls ein positives Feeling vermittelt. Wenn mir der andere stattdessen ein negatives Feeling vermittelt, so besteht hier keine Kooperativität. Bekanntestes Sprichwort dafür ist „The dog that bites the hand that feeds him“.

 

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Soweit also die besondere Erklärung, um jenen von mir hier anvisierten ideologischen Trick zu verstehen. Der Argumentationstrick besteht darin, irgendwie geschickt zu verhindern, daß mein eigener Gebertakt eingelöst wird und stattdessen den anderen dazu zu bringen als nächstes wieder einen Gebertakt einzuführen, ohne daß vorher von mir selber Gebermäßig was kam.

 

1.Beispiel:

Y sucht zu einem bestimmten Thema Z einen Email-Kontakt zu X, der sich offenbar mit dem Thema Z befaßt hat. Der X geht darauf ein und schreibt also einige seiner Erfahrungen zu dem Thema und erwartet nun von Y, daß diese nun ebenfalls über ihre spezifischen Erfahrungen zum Thema Z berichtet. (Es soll sich ein produktiver Austausch ergeben - ist die Hoffnung von X). Doch nun schlägt Y eine interessante Volte:

 

<Hallo! Diese ganze Mailerei nervt a bisserl auf Dauer.
Ich denke, wir können uns besser gleich mal unterhalten, oder?
- Weiss nicht, warum, aber intuitiv denke ich das... das wir mal schwatzen sollten.
-Warum auch nicht, -oder?
 War früher ja mal normal.

Gut, dann bis bald mal, neh?
Y, Tel. 012 - 345678
Liebe Grüsse! Y>
 

Damit hat Y seinen eigenen Geberpart geschickt übersprungen. X soll nun Y anrufen und somit wieder mit einem Gebertakt starten. Auf den negativen Bescheid von X bzgl. des Telefonierens kam von Y lediglich ein

<Oh! Schade!
Aber ggf. maile ich mal.
Bin zZ ätzend drauf.
MlG – Y>

Natürlich kam dann niemals mehr eine Mail, d.h. ein Geber-Takt.

 

2.Beispiel:

Ein früherer Freund Y mailt nach etlichen Jahren überraschend dem X zu dessen 50. Geburtstag eine kurze Mail, in welcher er als „alter Freund“ dem X alles Gute und Schöne wünscht. X hatte sich vor etlichen Jahren von Y („für die nächsten 10 Jahre“) getrennt, weil X sich von Y nicht genügend ernst genommen fühlte. Da X erst mal keine Veranlassung sah, wegen dieser kurzen Mail nun von sich aus besonders aktiv zu werden, dankte er für die Mail und richtete stattdessen an dem nächsten Geburtstag von Y ebenfalls Glückwünsche aus, mit dem Wunsch,  daß Y ihm ja mal schreiben könne, wie es ihm so gehe und was er so mache. Er selber schrieb noch eine kleine „Momentaufnahme“ wie es ihm selber so geht, und was er selber so macht. X verband für sich damit die Hoffnung, daß man sich auf diese Weise vorsichtig wieder näherkommen könne – und daß Y inzwischen einiges dazu gelernt habe, was die Beziehung mit X angeht. Nun schlägt Y die interessante Volte:

 

<Hey X!

Vielen Dank für deine Glückwünsche und den Rest. Ich habe heute wenig Zeit, schreibe aber die nächsten Tage mal.

Könntest du dir vorstellen meine Frau doch noch mal kennenzulernen? Ich fahre demnächst mit ihr nach Dresden in der Weihnachtszeit und wir könnten da auch einen Umweg machen.

Liebe Grüsse, Y>

 

Damit hat Y seinen eigenen Geberpart geschickt übersprungen. X soll nun stattdessen wieder aktiv werden und schnell mal neugierigerweise die Frau von Y kennenlernen und seinen alten Freund wiedersehen wollen und somit wieder mit einem eigenen Gebertakt starten (Einladung, etc.). Es ist durch diese Volte völlig klar, daß Y auch „die nächsten Tage“ nicht schreiben wird – d.h. seinen eigenen Geber-Takt überspringen wird. Auch ist klar, daß er es als Affront interpretieren wird, wenn X nicht auf dieses einmalige Sonderangebot antwortet, daß Y ihm die Ehre erweist, ihn ‘en passant’ kurz zu besuchen, sondern stattdessen erst das angebliche Schreiben „die nächsten Tage mal“ abwartet. Darauf aber kann X lange warten!

 

 

Wie das Beispiel des Plattenverleihs zeigt, ist der Unkooperative Y prinzipiell der Meinung, daß X sich völlig außerhalb der Rolle (die Y ihm zugedacht hat) verhält. Warum ist das so?

 

Den eigenen Geber-Takt zu überspringen ist ein notwendiges Grundmuster der bürgerlichen Gesellschaft, um ein Rollengefälle zwischen Oben und Unten, Überlegen und Unterlegen zu erzeugen. Gerne wird auch versucht, dem X eine Schuld zuzuschieben, die der gar nicht hat. Y enthebt sich dadurch der Dankbarkeit dem X gegenüber. Dazu nun das

 

3. Beispiel:

In einer Nacht- und Nebel-Aktion soll eine plötzlich nicht mehr funktionierende Kanalisation samt Schmutzwasserpumpe schnellstens repariert werden (die Scheiße quillt aus den Klos). Der zufällig anwesende X arbeitet mit und diskutiert dabei mit dem Besitzer der Anlage und mit dem nächtlich herbeitelefonierten Plumber, der die Anlage installiert hat. Durch die logische Diskussion bei der Arbeit wird tatsächlich das Problem erkannt und somit kann das Problem auch bald gelöst werden. Die Besitzerin Y, die zwischendurch ebenfalls kurz mal von oben runter vorbeischaut, erkennt schlagartig: der X diskutiert ja nur da unten rum und hält damit die anderen von der Arbeit ab. - Damit war geklärt, daß man dem X für seinen wesentlichen Beitrag keinen Dank zu zeigen brauchte – sondern im Gegenteil.

Es ‘paßte’ einfach nicht zu der ‚Rolle‘ von X, daß er in der Lage war, einen wesentlichen Beitrag zu leisten. Das ist ein keineswegs unbekanntes sozialpsychologisches Phänomen innerhalb der autoritären bürgerlichen Rollen-Gesellschaft und ihrer entsprechenden Realitätsverkennung. Für dieses Phänomen hat Theodor W. Adorno in seinen “Studien zum autoritären Charakter” den Ausdruck ‘Usurpatorkomplex’ verwandt. Der Terminus wurde zwar politisch im engeren Sinne als relevant aufgewiesen am Beispiel Roosevelt, er ist jedoch allgemeiner gemeint (oder zumindest läßt er sich problemlos verallgemeinern): es handelt sich um ein typisches komplexhaftes Verhalten autoritärer Persönlichkeiten.

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Ich möchte noch einmal auf die obigen Beispiele 1 und 2 zurückkommen. Man hat hier in diesen beiden cleveren Volten meines Ermessens 2 schöne Beispiele für ‚Double Bind‘: Es wird dem X eine paradoxe Falle aufgestellt dero Art: „Wie er‘s macht ist es falsch“! -  Erstens sieht es rein formell, äußerlich, so aus, als ob Y seinen Part erfüllt hat: Y hat freundlich geantwortet; und wenn X auf diese (angeblich) freundliche Antwort nun umgekehrt nicht so eingeht, wie Y das will, so ist dies rein formell, äußerlich, ein (angeblich) unfreundlicher Akt: X hat sich folglich (rein formell, äußerlich) ‚schuldig‘ gemacht, X ist somit schuld, daß die Beziehung nicht weiter fortgesetzt werden kann. Und folglich ist Y auch nicht mehr an das Versprechen gebunden, dem X auf ordentliche Art zu antworten! Denn Y wurde ja sozusagen mit dem (angeblich) freundlich gemeinten Vorschlag mißachtet und damit beleidigt.

Diese angebliche freundliche ‘Logik’ hat den impliziten Status einer Drohung: Entweder Du tanzt nach meiner Pfeife oder Du bist schuldig an unserer (endgültigen) Dissonanz.

Zweitens: würde X (deswegen) tatsächlich naiverweise auf die formelle Antwort von Y inhaltlich eingehen, so würde X sich zum Trottel machen oder noch schlimmer (je nach Grad der Abhängigkeit von Y), in allerlei unfaßbare, diffuse Ängste oder diffuse Wut oder Verwirrung hineingeraten, denn X kann ja nicht einschätzen, was Y ‚eigentlich‘ will (womöglich nix Gutes!), da Y nicht gewillt ist, sich ehrlich zu öffnen. D.h. es fehlt objektiv die notwendige gegenseitige Vertrauensbasis, die jedoch Y ‘wie selbstverständlich’ (implizit) dreist behauptet.

Dieser letztere Punkt der diffusen Ängste, Wut und Verwirrung ist meines Ermessens das, was den pathologisierenden Faktor der Double-Bind-Kommunikation ausmacht. (Vgl. dazu: Gregory Bateson, Don D. Jackson, Jay Haley und John H. Weakland, 1956 - speziell der Abschnitt: “Eine Darstellung der Familiensituation”. ‘Double Bind’ bedeutet nach Ansicht der Erfinder dieser Theorie, daß X sowohl bestraft wird, wenn X (auf einer Meta-Ebene) genau unterscheidet, was Y in seiner widersprüchlichen Botschaft ausdrückt, als auch bestraft wird, wenn X das nicht tut und tatsächlich an den angeblich positiven Aspekt der Botschaft glaubt. Denn X darf auf keinen Fall Y vertrauensmäßig zu nahe kommen, das kann Y nicht verkraften.)