Rolle der Linken

 

2014,12,20

 

Die Rolle der Linken als Avantgarde des Kapitalismus

 

    Beispiel - Jugoslawien

Gestern sahen Barbara & ich im Kino Traumstern in Lich einen sehr guten Film über die Familie Altaras, die in Gießen bekannt ist, vor allem im Zusammenhang mit der neuen Synagoge. Der Doku-Film ist aus der Perspektive der Tochter Adriana gedreht, bzgl. des (bekannten) Medizinprofessors (Radiologen) Jakob Altaras und seiner Frau Thea. – Was uns völlig unbekannt war, ist die Tatsache, daß Jakob und Thea Altaras beide bei den jugoslawischen Partisanen unter Tito aktiv waren. (Der Film heißt „Titos Brille“). Nach der Befreiung waren sie engagierte Kommunisten im jugoslawischen „Bund der Kommunisten“. Wiewohl Jakob Altaras schon eine hohe Position innehatte (er war Oberst und kurz davor, zum General befördert zu werden) und wiewohl seine Ideale voll der Kommunistischen Partei gehörten, wurde ihm und diversen andern ‚bürgerlichen‘ Elementen der Prozeß gemacht wegen ‚Korruption‘. Er hatte eine Privatpraxis aufgeben müssen und verkaufte deswegen sein Röntgengerät: ein schweres Verbrechen! – Er flüchtete im Laufe des Prozesses in die Schweiz. Seine Frau Thea, ebenfalls eine überzeugte Kommunistin, folgte später nach.

Hier wurden also kommunistische Idealisten außer Landes gejagt (bzw. sollten hinter Schloß & Riegel gebracht werden). Insofern das in den kommunistischen Ländern üblich war (vgl. speziell in Jugoslawien auch den Fall Milovan Djilas), bedeutet das, daß konsequentermaßen den kommunistischen Spießern das Feld überlassen wurde (vgl. dazu auch den Fall Wolf Biermann in der DDR - ganz zu schweigen von den stalinistischen ‘Säuberungen’). Zurück nach Jugoslawien: Dementsprechend muß man sich nicht wundern, daß es im ‚Kommunistischen Bund Jugoslawiens‘ kein Konzept für Jugoslawien nach Titos Tod gab, stattdessen Rückkehr zu den alten Nationalismen mit entsprechendem Mord & Totschlag. – Gut. -  Und was folgt daraus? Natürlich ist Jugoslawien (d.h. heutzutage seine diversen Teilgebiete: Kroatien, Serbien, Montenegro usw.) durch all diese planwirtschaftlichen, sozialistischen industriellen Veränderungen nach dem 2. WK und den anschließenden grauenhaften kriegerischen Zerrüttungen nach 1990 mittlerweile reifgeschossen für den Kapitalismus, wiewohl es einmal in den 50er Jahren als Bollwerk einer sozialistischen Utopie bei linken Sozialdemokraten erschien.

 

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    Beispiel – China

    Jahrelang erschien vielen Linken Ende der 60er Jahre bis in die 70er Jahren China als die Sonne, die im Osten aufgeht. Ein erstes Problem gab es, als Nixon sich 1972 mit Mao Tse Tung verständigte. Eine zweite ernsthafte Gefährdung des Glaubens an China ergab sich, als F.J. Strauß 1975 China besuchte – und so viel ich mich noch erinnern kann, hatte er (lt. ‚Bild‘) 1 Milliarde DM oder $ als Kredit in der Tasche.

Jedenfalls steht eines für mich fest: alle Umwandlungen, die China im Laufe seiner kommunistischen Phase vollzog (Industrialisierung, Abschneiden alter Zöpfe, Atheismus, Umerziehungslager, Verfolgungen usw.) waren ein hervorragender Boden und Humus für den sich mittlerweile bombastisch steigernden Turbo-Kapitalismus in ‚Rot-China‘ seit 2000. (Vgl. dazu die Film-Dokumentation: “Chinas Größenwahn am Yangtse”, WDR und Arte, 2009. Siehe auch YouTube, wo man den ganzen Film sehen kann. - Desweiteren: "Chinas Autowahn": Dokumentation über die automobile Revolution im Reich der Mitte, ca. 2010. )[Achtung: spätestens seit 2017 kann man diese 2 wirklich interessanten Dokumentationen nicht mehr bei YouTube sehen!]

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    Beispiel Rußland – Sowjetunion – Satellitenländer

 

Was eben über China bzgl. kapitalistischer Entwicklung gesagt wurde, gilt hier sinngemäß schon seit 1990.

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    Beispiel Studentenbewegung USA, Europa usw.  1967/1968 – Sexualrevolution

Jeder / Jede (in Europa & Nordamerika) ist heutzutage (weitgehend) frei in seiner Sexualität. Das war in den Zeiten vor der Studentenrevolution (d.h. vor 1967) keineswegs der Fall. Und was heute oft gern vergessen wird, wenn man in kleinen Nebenbemerkungen glaubt, diese Zeit und diese Leute mit einem Seitenhieb erledigen zu können, war eben ein enormer Schub in Richtung ‚Freier Sexualität‘, von dem die folgenden Zeiten profitieren konnten.

Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite der Medaille hat den Namen ‚Porno‘. Denn gleichzeitig wurde eine ungeheure Pornowelle losgetreten – die sehr prägend, sowohl  für das kapitalistische Selbstverständnis der Männer und Frauen, als auch für das kapitalistische Geschäft war und ist.

 

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    Beispiel – Ausländerfreundlichkeit vs. Ausländerfeindlichkeit

Der sich mehr und mehr globalisierende Kapitalismus hat meiner Meinung nach offenbar das Bedürfnis, alle möglichen Volksgruppen in einem allgemeinen Kapitalismusbrei zu vermischen. Das Ziel scheint zu sein: Alles an klassischer Kultur und Zusammenhalt soll auseinandergerissen und neu zusammengesetzt werden in einer internationalen kapitalistischen Betonkultur.

Insofern sich noch (schwache, letzte) Abwehrmaßnahmen zeigen gegen beispielsweise touristische Zerstörung intakter Umwelten oder gegen maßlose Einwanderung fremder Volksgruppen heutzutage in Europa, vor allem unter dem Vorwand von ‚Verfolgung, Flucht und Vertreibung‘, werden diese als rechtsradikal, faschistisch usw. denunziert. Das ist dann das Stichwort für die Linken, sich moralisch zu entrüsten und diese armen Ausländer zu schützen gegen die ‚Nazis‘. Sie meinen damit, – in Deutschland beispielsweise -  nachträglich eine Pflicht zu erfüllen, die die Deutschen leider spätestens ab 1933 versäumt haben, merken aber gar nicht, daß sie hier ganz neu die Verarschten und die Vorreiter einer allgemeinen Scheiße sind, die sie nachher nie gewollt hätten, sofern sie nachher überhaupt noch nachdenken können darüber - oder wollen. Vorher darüber nachdenken liegt ihnen sowieso fern. (Vgl. dazu als Beispiel: ‘Der Spiegel’ 38/2014 S.52ff.: “Stadt ohne Gewissen. Verbrechen. Im englischen Rotherham wurden 1400 Kinder über Jahre gequält, mißhandelt, vergewaltigt. Es gab eine Vielzahl von Hinweisen auf die Täter, britische Pakistaner.”)

Was Besseres kann sich der Kapitalismus gar nicht wünschen: als daß die ‚Linken‘ sein Ziel diesbezüglich offensiv vertreten. Die Kapitalisten selber würden das gar nicht so perfekt fertig bringen. Dazu sind sie viel zu lahmarschig, halt hauptsächlich an ihrer Kohle interessiert.

 

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    Karl Marx & Friedrich Engels – Das Kommunistische Manifest (1848)

Niemand hat (meines Wissens) mit mehr Enthusiasmus geschildert, wie der Kapitalismus alle alten Verhältnisse umstülpt  - und dabei affimativ-kritiklos dargelegt, wie großartig das alles ist:

In dem Kapitel „Bourgeois und Proletarier“ heißt es:

<Die Bourgeoisie hat in der Geschichte eine höchst revolutionäre Rolle gespielt.

Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose "bare Zahlung". Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt. Sie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt.

Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt.

Die Bourgeoisie hat dem Familienverhältnis seinen rührend-sentimentalen Schleier abgerissen und es auf ein reines Geldverhältnis zurückgeführt.

Die Bourgeoisie hat enthüllt, wie die brutale Kraftäußerung, die die Reaktion so sehr am Mittelalter bewundert, in der trägsten Bärenhäuterei [Müßiggang; M.A.] ihre passende Ergänzung fand. Erst sie hat bewiesen, was die Tätigkeit der Menschen zustande bringen kann. Sie hat ganz andere Wunderwerke vollbracht als ägyptische Pyramiden, römische Wasserleitungen und gotische Kathedralen, sie hat ganz andere Züge ausgeführt als Völkerwanderungen und Kreuzzüge.

Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren. Unveränderte Beibehaltung der alten Produktionsweise war dagegen die erste Existenzbedingung aller früheren industriellen Klassen. Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen anderen aus. Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.

Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muß sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen.

Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumption aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen. Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird, durch Industrien, die nicht mehr einheimische Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden.

An die Stelle der alten, durch Landeserzeugnisse befriedigten Bedürfnisse treten neue, welche die Produkte der entferntesten Länder und Klimate zu ihrer Befriedigung erheischen. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander. Und wie in der materiellen, so auch in der geistigen Produktion. Die geistigen Erzeugnisse der einzelnen Nationen werden Gemeingut. Die nationale Einseitigkeit und Beschränktheit wird mehr und mehr unmöglich, und aus den vielen nationalen und lokalen Literaturen bildet sich eine Weltliteratur.

Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterte Kommunikation alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhaß der Barbaren zur Kapitulation zwingt. Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen; sie zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich selbst einzuführen, d.h. Bourgeois zu werden. Mit einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde.

Die Bourgeoisie hat das Land der Herrschaft der Stadt unterworfen. Sie hat enorme Städte geschaffen, sie hat die Zahl der städtischen Bevölkerung gegenüber der ländlichen in hohem Grade vermehrt und so einen bedeutenden Teil der Bevölkerung dem Idiotismus des Landlebens entrissen. Wie sie das Land von der Stadt, hat sie die barbarischen und halbbarbarischen Länder von den zivilisierten, die Bauernvölker von den Bourgeoisvölkern, den Orient vom Okzident abhängig gemacht.

Die Bourgeoisie hebt mehr und mehr die Zersplitterung der Produktionsmittel, des Besitzes und der Bevölkerung auf. Sie hat die Bevölkerung agglomeriert [=zusammengebracht, aufgehäuft; M.A.], die Produktionsmittel zentralisiert und das Eigentum in wenigen Händen konzentriert. Die notwendige Folge hiervon war die politische Zentralisation. Unabhängige, fast nur verbündete Provinzen mit verschiedenen Interessen, Gesetzen, Regierungen und Zöllen wurden zusammengedrängt in eine Nation, eine Regierung, ein Gesetz, ein nationales Klasseninteresse, eine Douanenlinie.

Die Bourgeoisie hat in ihrer kaum hundertjährigen Klassenherrschaft massenhaftere und kolossalere Produktionskräfte geschaffen als alle vergangenen Generationen zusammen. Unterjochung der Naturkräfte, Maschinerie, Anwendung der Chemie auf Industrie und Ackerbau, Dampfschiffahrt, Eisenbahnen, elektrische Telegraphen, Urbarmachung ganzer Weltteile, Schiffbarmachung der Flüsse, ganze aus dem Boden hervorgestampfte Bevölkerungen - welches frühere Jahrhundert ahnte, daß solche Produktionskräfte im Schoß der gesellschaftlichen Arbeit schlummerten.>

 

Abgesehen vom affirmativen Charakter der Darstellung muß man staunen über diese geniale Strukturerkenntnis der kapitalistischen Entwicklung! Das ist gerade heutzutage äußerst lesenswert.

Da diese Analyse sich als so stichhaltig erwiesen hat, sollten die Linken endgültig die marxistische Revolutionstheorie über Bord werfen (denn diese ist eben keineswegs stichhaltig!) und sich stattdessen darauf besinnen, wie sie mit dieser kapitalistischen Entwicklung kritisch umgehen können, statt sie affirmativ zu begrüßen und sie sogar noch (mehr oder weniger bewußt) voranzutreiben.