Axiomatik Gesellschaft

13.11.07

Axiomatik der Gesellschaft

 

Bezüglich der antiautoritären Erziehung gab es bei mir 3 Stufen der Erkenntnis:

 

  • 1.Stufe: Meine (strukturierte) Wahrnehmung des Kindes des anarchistischen Berliner Sekretärs Jörg Schlotterer des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund)  geschah während der einwöchigen Vorfrühlings-Reise einer kleinen Berliner SDS-Gruppe nach London 1968, zu einer Begegnung mit kritischen Studenten der ‘London School of Economics’, anläßlich einer Antikriegsdemonstration bzgl. des Vietnamkrieges (17. März 1968). Dieses 3-jährige Kind, das Schlotterer zusammen mit seiner französischen Frau hatte, die ebenfalls in London mit dabei war, war sowohl die Anmut in Person als auch kreativ statt destruktiv (das war für mich damals sehr wichtig - wg. der damaligen allgemein negativen Sichtweise auf Kinder). In diesem Sinne war für mich eindeutig klar, daß ‚wir’ Antiautoritären gegenüber der offiziellen (autoritären) Gesellschaft  im Recht waren. Deswegen wollte ich ebenfalls so eine Erziehung praktizieren. Das wurde  für mich ein Lebens-Konzept und ein Programm gleichzeitig.
  •  

    2.Stufe, Erkennen von Gesetzmäßigkeit:

    Die Gesetzmäßigkeiten der Kindes-Entwicklung:

    Erik H. Erikson erkannte folgende typische Entwicklungsstadien der Interaktion des Kindes mit seiner sozialen Umwelt: a) Urvertrauen vs. Urmißtrauen (Säuglingsalter), b) Autonomie vs. Scham und Zweifel (Kleinkindalter - ab ca. 1 Jahr) c) Initiative vs. Schuldgefühle (Spielalter - ab ca. 2 1/2 Jahren), d) Werksinn vs. Minderwertigkeitsgefühl (ab ca. 4 Jahren). - Wenn die Eltern (bzw. Erzieher) helfen, jeweils die positive Seite dieser 4 Spannungsfelder zu bestärken, so entwickelt sich das Kind entsprechend positiv. Diese Entwicklungs-Gesetzmäßigkeiten konnte ich problemlos empirisch nachvollziehen bei der eigenen Kindererziehung meines Sohnes - die offenbar ähnlich positiv verlief, wie Schlotterers Kindererziehung.

     

    3.Stufe, Erkennen des Prinzips:

  • Das weiterführende Interessante dabei ist meiner Ansicht nach das folgende grundlegende Prinzip: daß man Eriksons Gesetzeserkenntnis nur dann zu schätzen weiß, wenn man das Kind als ‚göttliches Kind’ erzieht. Wenn man allerdings im Kind nicht das göttliche Wesen sieht, von dem man selber vieles lernen kann, dann hat man zwangsläufig ein minderwertigeres Bild vom Kind. Damit kann man auch Erikson nicht mehr verstehen. Man hat dementsprechend auch minderwertigere Theorien über Kindererziehung bzw. Kinder-Entwicklung (vgl. z.B. Freuds kurioses Triebmodell der Entwicklung oder die klassisch-autoritäre Vorstellung von der ‚Trotzphase’). Indem Erikson die kindlichen Entwicklungsstadien (übrigens im Selbstmißverständnis, er bewege sich noch im freudianischen Kontext) in der Spannung von positiv und negativ sieht (und dabei entscheidende Aspekte der Interaktion zwischen Kind und Eltern in einen erklärenden Bezugsrahmen stellt), gibt er eine ziemlich klare Orientierung für denjenigen, der sich um positive Kindererziehung bemüht. Eriksons Modell (jedenfalls die hier erwähnten ersten 4 Entwicklungs-Phasen) ist diesbezüglich geradezu ein Geniestreich. Allerdings ist anzumerken, daß ab hier meines Ermessens sein Entwicklungsmodell nicht mehr viel weiterhilft. Meiner Erfahrung nach müßte als nächste Entwicklungsstufe (etwa ab dem Alter von 6) nämlich so etwas kommen wie
  • 5. geistige Ehrlichkeit vs. Abwehrmechanismen & Vorurteile. Denn etliche schlaue Erzieher haben inzwischen kapiert, daß ab der 4. Stufe ja noch genug Raum ist, die bisher gut entwickelten und intelligenten Kinder im Sinne der Klassengesellschaft und der üblichen gruppendynamischen, familiendynamischen und gesellschaftsdynamischen Vorurteilsbildungen zu beeinflussen und zu formen. Somit also die Kinder von angeblich ungehörigen Menschen und Situationen fernzuhalten, sie gegen gewisse Un-Personen zu immunisieren, indem kräftig ‘falsch Zeugnis wider den Nächsten’ abgelegt wird. Man hätte dann bei solcherlei schlau-manipulativen Kindererziehung wieder einmal ein schönes Beispiel von ‘Dialektik der Aufklärung’: das Gute wird als Grundlage genommen für was Übles: statt sozial sensible, empathische Persönlichkeiten werden narzißtische Eisprinzessinnen und Eis-Prinzen produziert.
  • Das heißt nun allerdings - gesellschaftlich gesehen - nicht, daß alles beim Alten bleibt. Auch solche, leider nachträglich noch verbogenen, Kinder der Freude haben keine Lust am Krieg! Damit ist schon eine wichtige Hürde zu einer besseren Gesellschaft genommen. Und außerdem gibt es ja immer noch eine Menge Eltern und Erzieher, die das Vertrauen, das jene Kinder in besonders hohem Maße ihren Bezugspersonen entgegenbringen, nicht mißbrauchen. (Mißbrauch, wie beispielsweise durch Herstellung des PAS-Syndroms).

 

Was hat das mit ‚Gesellschaft’ zu tun?

Sehr viel, wie ich im folgenden zu erklären versuche.

 

Die autoritäre Gesellschaft ist deswegen autoritär, weil sie die meisten Menschen als Verwaltungsgegenstände betrachtet. Lediglich die ‚obersten’, die Verwalter selber, fühlen sich in ihrer eigenen Selbstherrlichkeit davon ausgenommen (was vermutlich ein Irrtum ist, wenn man ihre eigene Erziehung betrachtet).

 

Dementsprechend wird bei der Kindererziehung offiziell keinerlei (oder nur wenig) Wert auf die Entwicklung des ‚göttlichen Kindes’ gelegt – statt dessen werden die Kinder prinzipiell lieblos verwaltet (analog zum Stallvieh und/oder zum abgerichteten Hund). Ausnahmen sind privatistischer Natur einiger mehr oder minder wissender Erzieher oder von trotz allem liebevollen  Eltern. Folgerichtig ist die Entwicklung der meisten Kinder hin zum Erwachsenen mehr oder minder mißglückt. Man hat dann in der Regel mehr oder minder gestörte Wesen, die nicht richtig ticken. Das äußert sich in entsprechend ‚neurotischen’ Verhaltensweisen.

 

Eine der universellsten neurotischen Dispositionen dieser autoritär erzogenen Menschen ist die Tendenz zur ‚Abspaltung’. Damit ist folgendes gemeint: Um sich selber als gut und positiv anzusehen (obwohl sie mehr oder weniger bewußt ahnen, daß sie in sich durchaus negativ sind), suchen sie sich ihnen geeignet erscheinende (schwache?) Opfer aus, denen sie zwanghaft negative Aspekte zuschreiben – so, daß ihnen diese Opfer entweder lächerlich, verachtungswürdig oder gar bestrafenswert erscheinen. Manchmal werden diesen Opfern diabolische Eigenschaften zugeschrieben, die in der Regel nichts anderes ausdrücken als die Diabolik der Zuschreibenden selber. Üblicherweise geschieht das Ganze in Form einer Gruppendynamik (etwa in der Schule), Familiendynamik, oder Gesellschaftsdynamik.

 

Familiendynamisch ist dafür das Sündenbockprinzip (bzw. der Indexpatient in der Systemtherapie) bekannt. Gesellschaftsdynamisch kennt man beispielsweise die Hexenverfolgungen oder den Antisemitismus aber auch unerschöpflich viele weitere (mehr oder minder stark ausgeprägte) Erscheinungsformen der Diskriminierungen, des Mobbings und der Hetzkampagnen. Eine spezielle, gesellschaftlich ausgefällte und quasi selbstverständliche, Erscheinungsform dieser Struktur ist die Existenz von sog. Asozialen-Vierteln und Slums (vgl. H.E. Richter „Die Gruppe“ - Teil 3) sowie den Obdachlosen und sog. ‘Pennern’.

Eine weitere universelle neurotische Disposition der autoritär erzogenen Menschen ist Neid, Mißgunst und nicht selten auch Häme. An diesem Punkt kann man meiner Ansicht nach die autoritäre Zerstörtheit irgendwelcher konkreter Menschen am Besten aufweisen. Zur Mißgunst gehört prinzipiell, daß autoritär mehr oder minder kaputte Menschen zwanghafterweise irgendwas in Nullsummenspiele auflösen müssen, das dem nicht entspricht: Was gut ist für mein Gegenüber ist schlecht für mich. Sein Gewinn ist mein Verlust. Hat der was Schönes, Sinnvolles, Kreatives, Erklärendes erreicht, so ist das keineswegs förderlich für ihn oder für mich oder gar für uns beide, oder für alle, sondern ‚an und für sich’ unbrauchbar, schlecht, unwesentlich, falsch. Außerdem ist eine notwendige Erscheinungsform dieser feindseligen Polarisierung, daß im Falle eines Konflikts die Geisteskapazität in das Ersinnen von Abwehrmechanismen und Ideologien investiert wird statt in die Produktion kreativer Problemlösungen, die beiden Seiten zum Vorteil gereichen würden. - Zum Neid gehört beispielsweise, daß bei Erbschaften allerlei Gerüchte umgehen vom heimlichen, cleveren, kaschierten Mord am Erblasser. Neid äußert sich auch als latenter Haß auf erfolgreiche Leute. Oder auf Leute mit Besitz (z.B. Vermieter). Dieser latente Haß lädt sich dann konkret ab mit Hilfe von irrationalen Rationalisierungen statt mit haltbaren Argumentationen. Latente Häme ist natürlich die insgeheime Schadenfreude, wenn es jemandem schlecht geht. Man gönnt den Anderen eigentlich nix Gutes. Man hat Angst davor, daß dabei klar wird, wenn es dem Anderen gut gehen sollte, was man selber doch für eine arme Sau ist. -

Generell wird bei all diesen Erscheinungsformen der autoritären Persönlichkeit gegen das biblische Gebot verstoßen: “Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider Deinen Nächsten!” Da die allgemeine Nichtbefolgung dieses Gebots unendlichen Schaden in der Gesellschaft anrichtet,  halte ich dieses Gebot eigentlich für das Wichtigste überhaupt. Bei Beachtung dieses Gebots hätte es beispielsweise nicht den NS-Antisemitismus geben können mit seinen fürchterlichen Folgen.

 

Eine der diabolischsten Formen der neurotischen Dispositionen des autoritär erzogenen Menschen ist die Kriegsbegeisterung und die damit einhergehende verbissene Zerstörungslust. Die in der Moderne dem Autoritarismus zugehörige außenpolitische Weltanschauung war (und ist teilweise noch) der Nationalismus, der offenbar eine Art ‚Büchse der Pandora’ der Neuzeit ist, wie sich im 1. und 2. Weltkrieg besonders drastisch zeigte.

 

Fazit:

 

Indem darauf hingewiesen wurde, daß die Verwischung und Unterdrückung der Höheren Konturen des Menschlichen zu typischen (sozusagen diabolischen) Defiziten nicht  nur im Individuum, sondern auch in der Gesellschaft und im internationalen System  führt, wird es meiner Ansicht nach (und seit der Studentenbewegung sowieso) Zeit, daraus die Konsequenzen zu ziehen.