antiautoritäre  Erziehung

 

04.09.19

 

Antiautoritäre Erziehung

 

Zunächst muss man erwähnen, dass es sich hier um einen Fachausdruck handelt, der sich in Anlehnung an den englischen Pädagogen Alexander Neill in den 60er Jahren, speziell im Gefolge der 68er Bewegung, in Deutschland herausgebildet hat. Wer also darunter eine quasi ‚zügellose‘ Erziehung (die keine sinnvollen Grenzen kennt) versteht, benutzt nicht den Fachausdruck sondern hat lediglich eine naive Assoziation zu dem Thema - eine Assoziation, die zugegebenermaßen durchaus nahe zu liegen scheint.

 

Bei der ‚antiautoritären Erziehung‘ vom Säuglingsalter an geht es um eine im höchsten Maße verantwortliche Erziehung. Es soll sich ein tiefes Vertrauensverhältnis herausbilden zwischen Erzieher und Kind, sodass sich das Kind optimal entwickeln kann. Dieses Vertrauensverhältnis kann sich eben nicht herausbilden, wenn das Kind von oben herab ‚autoritär‘ als isoliertes kleines, im Grunde minderwertiges, Subjekt behandelt wird. Entsprechend kann das Kind unter solcherlei autoritären Voraussetzungen sich nicht (möglichst) optimal entwickeln.

 

Dass unsere Gesellschaft immer noch (halbwegs) autoritär strukturiert ist, sieht man daran, dass die Kleinkindererziehung als was Dritt- und Viert-rangiges angesehen wird. Entsprechend gering entlohnt sind die Kita-Erzieherinnen, die sowieso mehrheitlich aus Trullas bestehen, die meinen, sie könnten rein instinktmäßig qua Frau schon in jeder Hinsicht mit den Kindern richtig umgehen. Und die Mütter, die meistenteils für die Kinder zuständig sind - die Väter sind entweder ganz weg oder auf der Arbeit oder interessieren sich nicht (besonders) für Kinder – sind normalerweise genauso trullamäßig drauf. Anspruchsvolle Literatur über Kindererziehung zu lesen, halten die meisten in aller Regel für überflüssig – oder sie sind sowieso unfähig dazu, weil kulturell unterentwickelt. Manchmal haben sie auch noch ganz verquere Ideen von mütterlichen Instinkten, die in Wirklichkeit nix anderes beinhalten, als sich selbst naturblöd und das Kind möglichst lange abhängig von der Mutti zu halten. Vielfach haben sie auch wohltätige Intentionen, die zwar gut gemeint sind, aber im Ergebnis das Gegenteil von ‘gut’ erreichen, weil die Kinder verwöhnt und dadurch schließlich frech, flippig und asozial (oder sonstwie geschädigt) werden. - Das ist übrigens das, was der Naivling (z.B. ein neurechter Anti-68er) gerne unter ‚antiautoritärer Erziehung‘ verstehen will.

               Die Droge Verwöhnung-H560

 

 

Man muss als Erzieher dem Kind selbstverständlich geradlinig, ehrlich und angemessen (und nicht verwöhnend widersprüchlich schwankend)  gegenübertreten. - Auch ein Einfühlungsvermögen in unbewusste psychische Prozesse ist manchmal sehr sinnvoll, um irgendwelche ‘kuriosen’ Probleme, die man plötzlich beim Kind wahrnimmt, verständnisvoll zu lösen. Z.B. nach Maßnahmen von autoritären Erwachsenen gegenüber dem Kind: Etwa eine schöne Spielsituation wird mittendrin sinnfrei, kalt und unvermittelt abgebrochen. Dann kann das Kind durchaus unbewußte Prozesse (die sich bspw. in scheinbar völlig unmotivierten Aggressionen äußern) produzieren, für die man als der wohlmeinende Erzieher, den es dann trifft, vielleicht zunächst keinerlei Verständnis hat. -  Übrigens: ein Kind, das Vertrauen zum Erzieher hat, läßt sich (letztlich) auch bereitwillig auf dessen Anforderungen ein. Denn das Kind braucht in der Tat den sinnvoll begrenzenden Rahmen, den der verständnisvolle Erzieher - nicht autoritär - sondern mit echter Autorität setzt.

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Was aber zeichnet eigentlich den Wesenskern, der von mir gemeinten Art von ‚antiautoritärer‘ Erziehung aus? Ich denke eine erste Annäherung bildet etwas, das Albert Camus in seiner Autobiografie  Le premier homme schreibt. Camus hatte offenbar einen begnadeten Lehrer. <In Monsieur Germains Klasse fühlten sie zum erstenmal, dass sie existierten und Gegenstand höchster Achtung waren. Man hielt sie für würdig, die Welt zu entdecken.> (Aus Albert Camus: Der erste Mensch 1995, S.166f.)

 

Es geht also darum, das Kind zu achten, da es ja eigentlich ungeahnte Potentialitäten in sich trägt – vor allem positive, wenn man ihm positiv und geradlinig entgegenkommt. Von diesen Potentialitäten des Menschseins kann eh nur ein kleiner Teil aktualisiert werden, aber man kann als Erzieher – ähnlich wie Monsieur Germain -  einiges dafür tun, dass dieser Teil nicht unnötig klein ausfällt.

 

Wenn man diese Achtung dem Kinde durchgängig entgegenbringt, so kann es die diversen ersten Phasen, die Erik H. Erikson (1950) für den <Vorbereitenden Ausschuß der Konferenz „Kindheit und Jugend“ des Weißen Hauses> bzgl. der Entwicklung der gesunden Persönlichkeit beschreibt, auf exzellente Weise vollziehen:

 Stadium 1: Ur-Vertrauen vs. Ur-Misstrauen (1. Lebensjahr)

Stadium 2: Autonomie vs. Scham und Zweifel (1. bis 3. Lebensjahr)

Stadium 3: Initiative vs. Schuldgefühl (3. bis 5. Lebensjahr)

Stadium 4: Werksinn vs. Minderwertigkeitsgefühl (6. Lebensjahr bis Pubertät)

(Genaueres dazu: Childhood and Society; New York 1950; Kindheit und Gesellschaft; Zürich 1957. Oder auch: Identität und Lebenszyklus. Drei Aufsätze; Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1966; 2. Aufl. 1973).

 

Tatsächlich ist ein solches Kind, das deutlich spürt, dass sein tiefes Bedürfnis nach Neugier und eigenständiger, selbständiger, autonomer Entdeckungs- und Handlungs-Initiative auf gekonnte Weise unterstützt und hoch geachtet wird (statt ständig mißachtet oder gar verboten wird), auf ganz besondere Weise anmutig. Sodass Erzieher, die dieser natürlichen Anlage des Menschen positiv entgegenkommen, ihre Belohnung just durch Freude an jener Anmut erfahren können.

 

Es geht aber noch weiter. In dieser Begriffsbildung der ‚gesunden Persönlichkeit‘, die sich mit der positiven Bewältigung jener Stadien ergibt, hat man einen Maßstab für schwache Entwicklungen und erst recht für Fehlentwicklungen des Kindes. Ein anmutiges Kind ist prinzipiell gesund & munter und nervt nicht. Wenn ein Kind neurotisch nervt (z.B. in der sog. Trotzphase), kann man eigentlich darauf schließen, dass seine Erzieher das Kind nicht optimal fördern, schon allein, wenn sie es rein als solches und isoliert von sich selber betrachten. Denn was in Wahrheit nervt, das ist die nicht gelungene gute Beziehung zwischen Erziehern und Kind. Nur dass das Kind dann zum neurotischen Symptomträger dieses Misslingens wird – wofür ihm dann von den Erziehern Tabletten & Therapien (und in voll autoritären Verhältnissen Strafen oder gar Schläge) verabreicht werden.

 

 

[Siehe auch ergänzend und vertiefend zu dem Thema: Ikarus]