Verwaltungs-Gesellschaft und Demokratie

 

21.02.05


 

Verwaltungs-Gesellschaft und Demokratie


 

Barbara und ich schauen uns zur Zeit dokumentarische Kindererziehungsfilme an mit der  „Super Nanny“, die irgendwelchen geplagten Eltern helfen soll, ihr Erziehungsproblem mit ihren flippigen Sprößlingen in den Griff zu bekommen.


 

Dabei ist mir folgende typische Situation aufgefallen: Einerseits verwenden die Eltern so klassische autoritäre Erziehungsrituale; man merkt dies an dem ganzen Tonfall, der im Dialekt daherkommt, den typischen Sprüchen, Drohungen, Gesten, Haltungen, Stierblicken usw. Es handelt sich ganz klar um kulturelle Tradierung, über die die betreffenden Eltern keine Verfügungsgewalt haben. Andererseits wollen die Eltern aber da heraus. Es fehlt immer das Entscheidende: die Eltern schlagen nicht wirklich voll zu, verweigern sich nicht wirklich, werden nicht wirklich bösartig. Sie wollen eigentlich liebevoll sein, wissen aber nicht wie.


 

Um uns über jene kulturelle Tradierung, denen jene Eltern ausgeliefert sind, Klarheit zu verschaffen (in der Diskussion zwischen mir und Barbara während einem der Filme) warf Barbara den Ausdruck in die Arena: „die Kinder werden (nur) verwaltet“. Diese Formulierung fand ich außerordentlich interessant. Sie hat mir zu umfassenderem Nachdenken Anlaß gegeben.


 

Was seit der 'Aufklärung' an Erziehung gesellschaftlich durchgesetzt wurde, war offenbar nichts anderes als die damalige absolutistisch-rationale Verwaltungsgesellschaft nicht nur im Städtebau, der Wirtschafts- und Militärpolitik, Justiz, Medizin, Polizei, Verwaltungsorganisation usw. sondern auch als Erziehungswesen zu etablieren. Das fand in der Reorganisation der verlotterten mittelalterlichen Universitäten zu wissenschaftlich-technischen Hochschulen seinen Ausdruck und in der Etablierung von staatlichen Gymnasien und Volksschulen seinen Höhepunkt. Ein weiteres entscheidendes Gebiet war die familiäre Erziehung. Auch wurden 'Erziehungsanstalten' eingerichtet für Kinder, die schwer erziehbar waren. Was ich damit hervorheben will ist, daß nunmehr auch die Familien zu Verwaltungsinstitutionen wurden, die nach dem gleichen Muster der (angeblich) rationalen Verwaltungsgesellschaft die Kinder zu verwalten hatten. Was dabei herauskam war die manipulatorische Dressur-Erziehung, die an die Kinder rein von außen herangeht, um sie gefügig zu machen, sie in die richtigen (vernünftigen) Bahnen zu lenken.


 

Daß diese Art von massenhafter und institutionell organisierter autoritärer und damit lebensfeindlicher und liebloser Erziehung maßgeblich mitverantwortlich war für die übelsten Kriegs- und Vernichtungs-Exzesse des 20ten Jahrhunderts dürfte jemandem, der in der Tiefendimension darüber nachdenkt nicht verborgen bleiben - auch wenn über diesem Thema ein enormes gesellschaftliches Schweigen lastet. (Vgl. Alice Miller: Abbruch der Schweigemauer, Hamburg 1990)


 

Mancher kritische Mensch wundert sich über die eigenartige Verwendung des Begriffes 'Demokratie'. Man vermißt die innerliche dialektische Verbindung der politisch Etablierten (Gewählten) mit der Bevölkerung. Da wird oft genug irgendeine Scheiße in die Welt gesetzt, was Gutes wird radikal beseitigt, ohne groß zu fragen, ohne eigentliche Verantwortung. Das Volk wird geistig manipuliert durch Meinungsmache (bis hin zu Hetzkampagnen) in Presse und Fernsehen. Jene Verwunderung findet ihr Ende, wenn man weiß, daß auch diese 'Demokratie' nach wie vor eine Verwaltungs-Gesellschaft darstellt. Sie ist also in Wahrheit ein antinomisches Gebilde: eine Demokratie-Verhinderungs-Demokratie. Die Menschen werden nach wie vor lediglich verwaltet. Bei den Wahlen geht es deswegen ausschließlich um graduelle Unterschiede der Zielrichtung der Verwaltung des Volks. Daß Wahlen besser sind als keine ist trotzdem klar. Sie sind sozusagen das Höchste an Dialektik mit dem Volk, zu dem sich die Verwaltungs-Gesellschaft emporschrauben kann.