'Klick'

 

16,04,08 - ‚Klick‘

Es fällt mir schwer, diesen Sachverhalt zu artikulieren, der mir hier auf der Zunge liegt.
Also erstens geht es mir um Mann & Frau, das vorneweg, um klar zu machen, um was es mir überhaupt geht.
Sodann geht es mir darum, dass es da irgendwie ‚klick‘ macht, und irgendwas rastet ein. Etwas, worüber mann in der Regel keine Verfügungsgewalt hat. Dieselbe würde  ich hiermit gerne herstellen.
 

Also, es macht ‚klick‘ und man verliebt sich als Jugendlicher in die Kim Novak, wie man sie in einem Hollywood-Film erlebt hat. Das erscheint ja vielen Leuten völlig ‚natürlich‘ und sie fragen sich: „wo ist hier, bitteschön, das Problem?“ Außerdem verliebt mann sich in die Rodtraud und die Siegrid usw. usw. Und das ist alles völlig ‚natürlich‘.
 

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Hollywood-Schauspielerin Kim Novak 1962. Siehe Wikimedia


Ich will jetzt nicht in die Details gehen, welche Frauen man nur halb liebt oder nur zum Ficken benutzt. Auch hier macht es auf seine eigene Art auch wieder ‚Klick‘,‚Klick‘,‚Klick‘!
 

Was also bedeutet dieses  ‚Klick‘ – soziologisch betrachtet? Das ist die Frage, um die es mir geht. Leider fällt mir da nicht so ohne weiteres eine erkenntnismäßige Formel ein, wiewohl sie hier eigentlich anliegen würde.
Also erstens denke ich, dieses ‚Klick‘ ist – in der bestehenden Art und Weise - keine reine Naturgegebenheit, sondern jene Naturgebenheit ist in unserer Zivilisation stark kulturell überformt, sodass sie großenteils zum kultursoziologischen Phänomen wird. Es ist selbstverständlich schön, wenn es ‚Klick‘ macht, vor allem auch, wenn es erwidert wird. – Und das macht viel von dem Reiz des Lebens aus, aber andererseits kann es ja auch in vielerlei Hinsicht falsch sein und in die Irre führen und somit das Leben unglücklich machen.
 

Barbara sieht die kultursoziologische Überformung des ‚Klick‘ als ‚Programmierung‘ an, über die man keine Verfügungsgewalt hat – oder jedenfalls nicht so ohne weiteres. Den Ausdruck ‚Programmierung‘ in diesem Zusammenhang fand ich ausgezeichnet. Er deutet an, dass es sich nicht unbedingt um einen ‚natürlichen‘ Vorgang handelt, wie es die übliche naive Ansicht behauptet. Aber wieso gibt es überhaupt diese sozusagen künstliche Programmierung?
 

Ich möchte mal von einem einfachen Modell ausgehen. In einer Welt von Fischern und einem Dorf mit Fischerhütten gibt es lediglich die Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau. Die Männer fahren aufs Meer hinaus und fangen die Fische. Sie kümmern sich um die Boote und um die Netze. Die Frauen kümmern sich um die Kinder, die Hütte, die Haustiere (Schweine und Hühner), die Palmen, das Kochen und den Tausch von Fischen gegen Reis mit den Agrariern der Felder hinter dem Fluss. – Diese einfache, sozusagen normale Menschenwelt ohne Besonderheit, außer einer schönen Natur, kennt also keine besonderen Differenzierungen. Weder unter den Weibern noch unter den Männern. So lange sie gesund und kräftig sind, gibt es keine bemerkenswerten Unterschiede zwischen den gleichaltrigen Männern – und auch nicht zwischen den gleichaltrigen Weibern. Quasi ‚natürlicherweise‘  wollen Mann und Frau eine Hütte mit Familie bilden und in dieser Hinsicht findet sich problemlos Topf & Deckel. Was ich von diesem Modell behaupte: Hier gibt es keine besonderen künstlichen Programmierungen, wie eine Frau auszusehen hat (etwa wie Kim Novak) oder wie ein Mann zu sein hat (etwa wie der junge Oberarzt Dr. Oliver Kröger), sondern schlicht die normale Intelligenz und körperliche Kraft & Gesundheit ist gefragt.
 

Dieses einfache Modell soll als Maßstab dienen, klar zu machen, was in unserer Welt eigentlich so anders ist. In der Welt der Klassengesellschaft und des Imperialismus gelten natürlich andere Vorstellungen von Topf & Deckel. Hier dürfen edle Frauen auch nur mit Edelmännern ins Bett (und nicht mit Bauern oder Bettlern). Und Edelmänner können sich zusätzlich junge Sklavinnen als Liebesdienerinnen halten. Wahrscheinlich ist dies auch die Geburtsstätte einerseits der besonderen Frauenschönheit (gleichsam Rassepferden) und andererseits der Herrenvorstellung von attraktivem Mann.
Klassengesellschaft & Imperialismus hat sich in Europa und Amerika seit der US-Amerikanischen Unabhängigkeit und der Französischen Revolution (inklusive Napoleon) weiterentwickelt hin zur ‚Bürgerlichen Gesellschaft‘. Seitdem hat sich die starre Feudal-Struktur aufgelöst hin in flexiblere Formen. Bei den Mann-Frau-Beziehungen hatte dies als ideologischen Überbau die ‚romantische Liebe‘.
 

Spätestens seitdem (Vorläufer gibt es immer!) ist mehr und mehr Klärung gefragt jenseits der üblichen Klassenvorstellungen von Topf & Deckel: Wer gehört jetzt eigentlich zusammen und wer gehört nicht zusammen? Darf ein junger Jude wie Jerusalem in Wetzlar sich in eine bürgerliche verheiratete Frau verlieben? (Natürlich nicht). Dies der Aufhänger für Goethes (zu Recht) berühmten Bestseller ‚Werther‘ (1774).
 

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Jerusalem-Haus in Wetzlar. Karl Wilhelm Jerusalem lebte hier im 2. Stock bis er sich 1772 wg. Liebeskummer erschoss. Das Haus wurde eine Zeitlang “Das Werther-Haus” genannt. z.B. in der “Gartenlaube” 1857

 

Doch bis hin zur Kim Novak ist noch ein weiter Weg. Dazu bedarf es hauptsächlich des Celluloid-Films seit den 20er Jahren – gut, davor gab es schon die Fotografie und einige erotische Malerei (z.B. die Maja von Goya um 1800), die dies alles seit etlichen Jahrzehnten vorbereiteten (selbstverständlich auch immer weiter bohrende Roman-Literatur, wenn man beispielsweise an die allerersten Werke von Heinrich und Thomas Mann um 1895 denkt). Aber richtig los ging das ganze Theater erst mit der Tonfilm-Ära.
 

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Gemälde von Francisco Goya - Die nackte Maja (um 1800). Siehe Wikimedia

 


Freud und seine Compagnons lieferten das drastische und weitgehend verrückte sexuelle Begleitheft zu den nun einsetzenden Evolutionen der romantischen Liebe.
 

Doch zurück zu den ‚Programmierungen‘. Meine Behauptung ist nun, dass Hollywood diese Programmierung spätestens seit den 50er Jahren übernahm. Und so kam es beispielsweise zu Kim Novak.
Diese Programmierung war offenbar sinnvoll, um die nun einsetzende massive, sozusagen demokratische, ins Volk reinströmende Form der romantischen Liebe zu steuern. Sie wurde z.B. in den 50er-Jahre Liedern der amerikanischen Musicbox-Kultur  in der amerikanischen Besatzungszone Deutschlands verbreitet. Auch die Deutschen mischten da selber mit, man denke nur an den Rock & Roll-Sänger Peter Kraus (diesbezüglich hier eine bezeichnende Peter-Kraus-Persiflage dieser Zeit: „Oh Baby zieh dich aus, ich bin der Peter Kraus, ich schieb dir einen rein, den kriegst du nicht mehr raus!“).
 

Heutzutage geht es nach wie vor um die Typen von Männern und Frauen, die gesteuert werden (gut, ein paar negroide und chinoiside Typen tauchen jetzt auf der Leinwand auf, die man von früher her nicht kennt). Aber völlig neu dazu gekommen ist, dass im Moment (2016) es offenbar hauptsächlich darum geht, dass in den Filmen zwischendurch heftig und ästhetisch gefickt wird – natürlich nur zwischen jungen gleichaltrigen und ‚wunderschönen‘  Tatoo-Schauspielern. – Man will also das unbefangene Ficken (vor allem der Frauen) öffentlich durchsetzen.
Und so geht die Hollywood-Programmierung immer weiter und weiter…